Bibliomănie

Bibliomănie

Bibliomănie (v. gr.), Liebhaberei an Büchern; Sucht, Bücher, namentlich alte u. seltene, zu sammeln, indem man dabei Werth auf in wissenschaftlicher Beziehung unbedeutende Nebendinge legt. Der Bibliomane verfolgt entweder gar keine bestimmte Richtung u. häuft Bücher aus den verschiedensten Fächern der Literatur an, od. er wirst sich auf eine gewisse Klasse von Druckwerken, sei es in Rücksicht der Zeit, in welcher sie erschienen, od. in Bezug auf ihren typographischen Charakter, od. in Hinsicht auf die darin abgehandelten Materien, od. endlich in Anbetracht ihres Werthes als Curiositäten. Auf diese Weise sind die verschiedenartigsten Sammlungen, so von Incunabeln, von Druckwerken gewisser Zeitabschnitte, z.B. des Dreißigjährigen Krieges, einzelner Druckereien, z.B. Aldinen, Elzevire, dann von Holzschnittwerken, von Ausgaben eines od. mehrerer Classiker u. der über dieselben veröffentlichten Abhandlungen, von Werken, die ein bestimmtes Land, eine bestimmte Wissenschaft betreffen, von Flugblättern, einzeln gedruckten Volksliedern, von ehedem verbotenen u. bis auf wenige Exemplare (Unica) vernichteten Büchern etc. entstanden, die in den meisten Fällen für den ersten Besitzer nur den Werth der Curiosität hatten, während sie später in große öffentliche Bibliotheken od. in die Hände von Forschern übergehend, für Kunst u. Wissenschaft, namentlich aber für die Culturgeschichte, bedeutungsvoll wurden. In England u. später in Frankreich, neuerdings auch in den Vereinigten Staaten von NAmerika, ist die B. zu einer Passion reicher Privatleute geworden, u. um ein seltenes od. durch irgend einen Umstand, als durch die Breite des Randes, die Pracht des Einbandes, durch den Autograph eines berühmten Mannes, durch handschriftliche Notizen des Autors, merkwürdiges Exemplar von einem Werke zu bekommen, werden oft über alles Maß hinausgehende Preise bezahlt. Die Bibliomanen sind die hauptsächlichsten Käufer bei den großen antiquarischen Bücherauctionen, die vorzugsweise in Paris u. London abgehalten werden. In der Auction des Herzogs von Roxburgh 1812 wurde u.a. ein Exemplar der 1. Ausgabe des Boccaccio von 1471 um 2260 Pfd. St. verkauft, u. um dies Ereigniß zu verherrlichen, stiftete sich der Bibliomanic- Roxburgh-Clubb, welcher am 13. Juli, als dem Tage jener Versteigerung, seine Sitzungen hielt. Die Kataloge solcher Auctionen werden vorher nach allen bedeutenden Städten Europas u. Amerikas versandt u. die höchsten Preise, welche direct od. durch Commissionäre geboten werden, dienen als Anhaltepunkte für den antiquarischen Bücherhandel. Außer mit alten Werken, treibt man auch Luxus mit Herstellung einziger (illustrirter) Exemplare, indem man Werken Kupfer, die eigentlich gar nicht zu ihnen gehören, aber doch nicht zur Erläuterung derselben dienen, beifügt u. sie so verkauft. Einzelne Gesellschaften vereinigen sich auch, um ein Werk in nur wenigen (20–30) Prachtexemplaren drucken zu lassen; ja es hat Liebhaber gegeben, die ein Buch nur in Einem Prachtexemplare ganz allein für sich anfertigen ließen. Endlich vervielfältigt man auch kleine Werke, die nur in einem einzigen Exemplare bekannt sind, in der Weise, daß sie dem Originale täuschend ähnlich sehen, od. man nimmt von ungedruckten Werken photographische Copien, wie dies im Jahre 1856 mit dem Codex argenteus (s.d.) in Upsala geschehen ist. Vgl. Frognall Dibdin, Bibliomania or Bookmadness, Lond. 1811; Dessen Biographical Decameron, ebd. 1817, 3 Bde.; Dessen Tour in France & Germany, ebd. 1821, 3 Bde.; Dessen Bibliophobia, ebd. 1832; Dessen Reminiscences, ebd. 1836.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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