Normandie [1]

Normandie [1]

Normandie (spr. Normangdi), sonst französische Provinz; hatte den Titel eines Herzogthums, 588 QM. u. 2 Mill. Ew.; theilte sich in Ober-N., den nordöstlichen Theil, mit Rouen, Dieppe, Havre-de-Grace, Harfleur, Honfleur, Lisieux, Evreux, Yvetot, u. Nieder-N., den südwestlichen hüglichen Theil mit Caen, Falaise, St. Lo, Bayeux, Coutances, Avranches, Valogne, Alençon, Cherbourg, Mont-St.-Michel; jetzt in die Departements Nieder-Seine, Calvados, Orne, Eure, Manche. Der Name kommt von den Normannen. – Die N. war früher von vielen kleinen gallischen Stämmen bewohnt, von den Biducassern, Lexoviern, Caleten, Eburovikern, Aulerkern etc. Zur Römerzeit gehörte sie zu Gallia Lugdunensis Secunda; unter dem Fränkischen Regiment machte sie einen Theil von Neustrien aus. Bei der Theilung unter die Söhne Ludwigs des Frommen kam sie an Karl dem Kahlen, welcher sie Robert dem Starken zu verwalten gab. Diese Statthalterschaft führte den Namen Herzogthum Frankreich (Duché de France). Als die Normänner an den Küsten Frankreichs u. der Niederlande erschienen, litt die N. sehr, u. Karl der Einfältige gab, um diese gefährlichen Feinde zu gewinnen, 912 seine Tochter Giselda ihrem Herzog Rollo, zur Ehe u. einen Theil der N. als Herzogthum u. Lehn zur Mitgift. Rollo ließ sich taufen u. nahm den Namen Robert I. an. Er regierte mit großer Kraft u. Klugheit, war Gesetzgeber seines Volks u. hatte Stände, welche aus Bischöfen, Baronen, den Mairen der Städte, den Vorstehern der Hundert- u. Zehntgemeinden bestanden, berathend neben sich; der Echiquier, zu Rouen, Caen, Falaise u. Bayeux gehalten, war der höchste Gerichtshof. Ihm folgte 927 sein Sohn Wilhelm I. Langschwert, ein tapfrer u. weiser Fürst, der sich durch mehre Kriege fast ganz seinem Lehnsverhältnisse zu dem Könige entzog. Er wurde auf Anstiften des Grafen Arnulf von Flandern, mit welchem er in Krieg begriffen war, mitten in den Friedensunterhandlungen 943 zu Pequigni sur Somme ermordet. Sein unmündiger Sohn Richard I. (geb. 933) folgte ihm unter der Vormundschaft von vier normannischen Großen. Aber sein Lehnsherr, König Ludwig IV. von Frankreich, suchte sich der N. wieder zu bemächtigen. Er entführte deshalb den Prinzen nach Laon, doch brachte denselben sein Hofmeister nach der N. zurück. Hier wurde er nach langen Kriegen, worin ihn die Dünen unterstützten, vom König Ludwig IV. in allen Besitzungen seines Großvaters bestätigt u. ihm Ludwigs Tochter zur Ehe gegeben. Dennoch führte er später mit dem Könige Lothar u. dem Graf von Chartres Krieg, söhnte sich aber mit Beiden wieder aus u. st. 996. Ihm folgte sein ältester Sohn, Richard II. der Gute, welcher 1003 die ins Land eingefallenen Engländer vertrieb u. auch gegen den Grafen von Blois u. Maine siegreich kämpfte; er st. 1026 (1027), u. ihm folgte sein Sohn Richard III., welcher aber schon im ersten Jahre seiner Regierung starb u. nur einen natürlichen Sohn, Nikolas, hinterließ, weshalb ihm sein Oheim Robert II., wegen seiner Freigebigkeit der Prächtige od. (wegen seiner grausamen Art Krieg zu führen) der Teufel genannt, folgte. Dieser bezwang den rebellischen Adel u. die Bischöfe von Rouen u. von Bayeux, unterstützte Balduin IV. gegen dessen Sohn, König Heinrich I. von Frankreich, u. Eduard II. (I.) von England, seinen Vetter, gegen Knut u. zwang Alan, Herzog von Bretagne, durch Krieg die Lehn von ihm zu nehmen. Er machte eine Wallfahrt nach Rom, dann nach Constantinopel u. st. 1035 (1037) in Nikäa. Über die von ihm gehenden Sagen s.u. Robert. Sein Nachfolger war sein achtjähriger Sohn, Wilhelm II. der Bastard (weil er aus der Ehe Roberts mit einer bürgerlichen Frau stammte) od. der Eroberer. Er war von den Ständen noch bei seines Vaters Lebzeiten als dessen Nachfolger anerkannt worden u. erhielt sich auch, trotz mehrer Anfechtungen von Außen u. Innen, mit Hülfe des Königs Heinrich I. von Frankreich im Besitz der N.; 1047 besiegte er den Grafen Guido von Brion u. Vernon u. 1053 den Grafen Wilhelm von Arques; er unterstützte hierauf den König Eduard III. von England gegen die Dänen, worauf ihm Eduard sein Reich vermachte. Als dieser nun 1065 starb, schiffte Robert nach England, schlug den Prätendenten Harald von Westsex am 14. Oct. 1066 bei Hastings u. ließ sich sogleich auf dem Schlachtfelde zum König von England (s.d. Gesch. VII.) ausrufen. Die N. übergab er 1077 seinem Sohne Robert III. dem Kurzschenkel, in Folge eines mit dem König Philipp von Frankreich abgeschlossenen Vergleichs. Nach Wilhelms Tode 1087 machte ihm sein Bruder, der König Wilhelm der Rothe von England, den Besitz der N. streitig, u. es entspann sich ein langer Krieg zwischen den beiden ältern Brüdern, welcher erst 1094 durch den Frieden von Caen geendigt wurde. Bald begann der Krieg wieder, bis Robert III. das Kreuz nahm u. 1096 nach Palästina zog u. seinem Bruder Wilhelm II. von England unterdessen sein Land verpfändete. Als Robert 1100 nach der N. zurückkehrte, war sein Bruder Wilhelm der Rothe gestorben u. sein dritter Bruder Heinrich I. in England gefolgt; nun machte zwar Robert selbst auf den Thron von England Ansprüche, schloß aber mit Heinrich den Vertrag zu Winchester, worin er gegen 300 Mark Jahrgehalt auf den Thron von England verzichtete. Als er 1101 nach England ging, um den Grafen von Surrey mit Heinrich zu[111] versöhnen, wies dieser ihn aus dem Lande. Robert setzte dies in den Augen seiner Vasallen sehr herab; zahlreiche Empörungen erfolgten, u. endlich fiel 1105 Heinrich I. in das Land, eroberte es u. verband es mit England. Als Heinrich I. von England 1135 ohne Söhne zu hinterlassen starb, sollte ihm sein Schwiegersohn, der Gemahl seiner einzigen Tochter Mathilde, Gottfried Plantagenet, Graf von Anjou, als Herzog der N. u. König von England folgen, aber der König Ludwig VI. von Frankreich hatte schon den Grafen Stephan von Blois, einen Neffen des Königs Heinrich I. mütterlicher Seits, mit der N. belehnt, u. dieser behauptete sich auch in England, u. erst 1144 eroberte Gottfried die N. ganz. Gottfried starb 1150, u. ihm folgte sein Sohn Heinrich II. erst in der N., dann, da ihn Stephan 1153 endlich als seinen Thronfolger anerkannte, auch 1154 in England. Er erheirathete 1152 mit Eleonore von Aquitanien Guienne, Poitou, Auvergne, Perigord, Angoumois etc. u. hatte 1174–89 Kriege mit Frankreich, Irland, Schottland u. mit seinen empörten Söhnen, Heinrich, Richard u. Johann zu führen. Die Kriege mit Letztern trafen auch die N. schwer. Auf Heinrich II. folgte 1189 sein zweiter Sohn Richard Löwenherz, in England u. den Besitzungen diesseit des Kanals; indessen sein Kreuzzug nach Palästina brachte beide in die Gewalt des jüngsten Bruders Johann ohne Land, welcher sie zwar nach Richards Rückkehr wieder herausgeben mußte, aber sie nach dessen Tode 1199 wieder erhielt. Dieses geschah mit Hintantsetzung seines Neffen Arthur, des Sohnes von Gottfried, u. zugleich Herzogs von Bretagne. Johann hatte harte. Kämpfe mit Frankreich u. Bretagne zu bestehen (s.u. England u. Bretagne). Nachdem Johann seinen Neffen Arthur 1202 in Rouen ermordet hatte, zog König Philipp August von Frankreich, welcher Johann nicht anerkannte, die N. als erledigtes Lehn mit Hülfe der Stände 1204 ein. Zwar riegte Johann u. dessen Sohn Heinrich III. noch lebhaft um die N. mit Frankreich, doch mußte Letzter endlich 1242 die N. förmlich an Frankreich abtreten. Am 19. März 1315 gab Ludwig X. der N. einen Freiheitsbrief (Charte Normande, Charte aux Normands), wornach das Herzogthum seine eigne Gerichtsbarkeit u. Rechtsverfassung behalten sollte. König Heinrich V. von England eroberte nach dem Siege über die Franzosen bei Azincourt 1514 die N. wieder, durch die Erhebung des französischen Volks unter Jeanne d'Arc u. die Bürgerkriege in England ging den Engländern die N. wieder verloren u. blieb seit 1449 bei Frankreich. In der ersten Zeit des Besitzes hießen die Thronerben von Frankreich Herzöge von der N., welcher Titel nachher durch den Titel Dauphin verdrängt wurde. Vgl. Negerel, Description du Pays et Duché de Normandie, Rouen 1610; Dumoulin, Histoire générale de N. sous ses Ducs, ebd. 1631, Fol.; Danneville, Inventaire de l'hist. de N., ebd. 1845; N. de Masseville, Hist. de N., ebd. 1688–1704, 6 Bde.; C. Toussaint-Duplessis, Description géogr. et hist. de la Haute-Normandie, Par. 1740, 2 Bde.; V. Tonstain-Richebourg, Essai sur l'hist. de Neustrie ou de N. etc., ebd. 1766; Licquet, Hist. de la N. (fortgesetzt von Depping), ebd. 1835, 2 Bde.; Fr. Palgrave, The hist. of Normandy and of England, Lond. 1851–57, 2 Bde.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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