Pikrinsäure

Pikrinsäure

Pikrinsäure (Pikrinsalpetersäure, Trinitrophenylsäure, Kohlenstickstoffsäure, Welters Bitter, Bittersäure, Nitrophenissäure, Acidum carbazoticum, Acide picrique), C12 H2 3 (NO4) O + HO, entsteht aus einer großen Anzahl thierischer u. pflanzlicher Substanzen durch Kochen mit Salpetersäure. 1771 entdeckte sie der Engländer Woulfe bei der Einwirkung von Salpetersäure auf Indigo u. 1799 stellte sie Welter durch Behandeln der Seide mit Salpetersäure u. später der Färber Guinon in Lyon aus Steinkohlentheeröl dar. Die P. bildet sich ferner aus Salicin u. allen Spiroylkörpern, Cumarin, Xanthorheaharz u. vielen anderen Stoffen. Am besten stellt man sie durch Eintragen von 1 Theil grobgepulverten Indigo in 8 Theile Salpetersäure von mittlerer Stärke dar; wenn die erste heftige Einwirkung vorüber ist, erhitzt man zum Kochen, indem man von Neuem Salpetersäure zusetzt; beim Erkalten krystallisirt die P. in gelben Blättern od. Prismen aus. Sie löst sich schwer in kaltem Wasser, leicht in Alkohol u. Äther, schmeckt sauer u. bitter, explodirt bei schnellem Erhitzen; Mineralsäuren verändern sie nicht. Mit Basen bildet sie gelb gefärbte, glänzende, krystallisirbare Salze, welche beim Erhitzen oft heftig explodiren. Pikrinsaures Ammoniak in alkoholischer Lösung gibt beim Durchleiten von Schwefelwasserstoff dunkelrothe Krystalle von pikraminsaurem Ammoniak. Pikrinsaures Äthyloxyd krystallisirt in Blättchen, welche bei 94° schmelzen u. bei 300° sieden. Pikrinsaures Kali ist schwer löslich, daher die P. als Reagenz auf Kali empfohlen ist. Pikrinsaures Ratron ist leicht löslich in Wasser. Man benutzt die P. zum Gelbfärben der Seide. Früher ließ man die Salpetersäure unmittelbar auf die zu färbende Seide einwirken, wusch dieselbe hierauf u. orangirte sie in einem kochenden Seifenbad. Jetzt stellt man für die Färberei die P. nur aus Steinkohlentheeröl dar. Die Salpetersäure von 1,33 specifischem Gewicht wird erwärmt, dann vom Feuer genommen u. Steinkohlentheeröl zugesetzt, wobei ein starkes Aufschäumen, zuweilen Explosion, entsteht; auf 3 bis 4 Theile Salpetersäure rechnet man 4 bis 5 Theile Steinkohlentheeröl, u. wenn sich alles vollständig gelöst hat, gießt man noch 3 Theile Salpetersäure zu; die Lösung wird dann nochmals zum Sieden erhitzt u. vorsichtig bis zur Syrupsconsistenz abgedampft; beim Erkalten scheidet sich eine weiche harzige Masse u. die P. ab, das Ganze wird mit kaltem Wasser gewaschen, in kochendem Wasser gelöst u. zur Abscheidung des Harzes mit sehr verdünnter Schwefelsäure (1 Theil auf 1000 Theile Wasser) versetzt. Aus der filtrirten Flüssigkeit scheidet sich beim Erkalten die P. aus, welche durch Umkrystallisiren rein erhalten wird. Sie kommt in schönen hellgelben Nadeln in den Handel, zuweilen unter dem Namen Jaune mineral; ihre Behandlung beim Färben ist sehr einfach, indem sie keine Beize verlangt; zu 10 Pfund Seide braucht man 1/2 bis 11/2 Loth P. nebst einem Zusatz von Essigsäure, Schwefelsäure u. Alaun. Schöne grüne Mischfarben erhält man aus Indigocarmin u. P. In England soll die P. als Zusatz zu Bier an Stelle des Hopfens angewendet worden sein, wodurch dasselbe jedoch vergiftet wird; man kann einen sehr geringen Zusatz von P. entdecken, wenn man in der fraglichen Flüssigkeit einen wollenen Faden 24 Stunden lang liegen läßt, wodurch derselbe bei Gegenwart von P. rein gelb gefärbt wird.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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