Wirbelbänder

Wirbelbänder

Wirbelbänder (Ligamenta vertebralia), die die Wirbelknochen zur Wirbelsäule (s. Rückgrath) so verbindenden Bänder, daß jenen eine zwar beschränkte, doch aber durch die Summe der den einzelnen W-n zusammengenommen zugestandene Biegsamkeit, doch bedeutende, u. zwar dreifache Beweglichkeit, nämlich nach vorn u. hinten u. drehend, möglich ist, u. welche zugleich dem Rückgrath die zum Schutz des Rückenmarks, der von ihm ausgehenden Nerven u. zur Unterstützung der von ihm getragenen Körpertheile die nöthige Festigkeit in Verbindung mit den Rückenmuskeln gewähren. Sie sind theils Faserknorpel, theils wirklich fibröse Ligamente, theils Synovialbänder, u. dann A) solche, welche die Körper der W. mit einander verbinden. Hierher gehören: a) die Zwischenwirbelknorpel (Cartilagines intervertebrales, Ligamenta intervertebralia), sie bilden aus concentrisch ringförmig liegenden, sich zum Theil kreuzenden Fasern bestehende Scheiben, in deren Mitte sich eine gallertartige, knorpelartige, sehr elastische Masse als Kern befindet u. liegen zwischen den Körpern der W., welche sie sehr fest verbinden, sind an den Lendenwirbeln am dicksten, fehlen zwischen dem Kopf u. Atlas, diesem u. dem Epistropheus, dem Kreuzbeine u. dem Steißbeine, werden im Laufe des Tages durch die Last des Rumpfes u. Kopfes ungefähr um 1 Zoll zusammengedrückt, so daß der Mensch Abends um so viel kürzer ist, als am Morgen, wo er die Nacht hindurch in horizontaler Lage geruht hat. b) Die vordere longitudinale Fascia der W. (Fascia longitudinalis anterior), sie entspringt straff, schmal u. rundlich von der vordern Hälfte des Hinterhauptlochs u. dem Atlas, erstreckt sich, breiter werdend, drei Streifen bildend, mit den Zwischenwirbelbändern u. der vordern Fläche der Wirbelkörper sich vielfach verbindend, an letztern bis zum Steißbein herab u. dient theils zur Befestigung der W. aneinander, indem sie zugleich die Verschiebung derselben nach vorn u. die zu starke Beugung des Rückgraths nach hinten verhindert. c) Die hintere longitudinale Fascia der Wirbelkörper verläuft im Innern des Rückenmarkskanals an der hintern Fläche der Wirbelkörper herab, verbindet sich locker mit den Körpern, fester mit den Zwischenwirbelbändern u. durch lockeres Zellgewebe mit der harten Rückenmarkshaut, ist oben breiter, in der Lendengegend hingegen bis auf einen einfachen, einige Linien breiten Streifen verschmälert, hält die Körper der W. zusammen u. schränkt die Vorwärtsbeugung derselben ein. B) Bänder zwischen den Bogen u. Fortsätzen der W.: a) Die Kapselbänder der schiefen Fortsätze (Ligamenta capsularia s. articularia processuum obliquorum), sind Synovialkapseln, welche die mit Knorpel überzogenen Gelenkflächen der schiefen Fortsätze umschließen u. mit einander verbinden. b) Die gelblichen Bänder der Bogen der W. (Ligamenta subflava arcuum vertebrarum), nehmen den Raum zwischen den Bogen der W. ein u. verschließen so den Rückgrathskanal nach hinten, bis auf eine kleine nur mit lockerem Zellgewebe ausgefüllte Stelle in der Gegend der Dornfortsätze, bestehen aus senkrechten Fasern, sind gelblich, glatt, sehr elastisch, stark u. fest, befestigen die W. an einander u. beschränken die Vorwärts- u. Seitwärtsbeugung derselben. c) Die Interspinalmembranen (Membranae interspinales), sind dünne, durchsichtige, aus unregelmäßigen, meist horizontalen Fasern bestehende, von den Wurzeln der Dornfortsätze bis gegen ihre Spitzen hin fest sitzende, nach Verschiedenheit der Zwischenräume zwischen diesen Fortsätzen breitere od. schmälere, die Vorwärtsbeugung des Rückgraths beschränkende, die Dornfortsätze zusammenhaltende u. zur Anlage von Muskeln dienende Häute. d) Die Stachelspitzenbänder (Ligamenta apicum processuum spinosorum), sind rundliche, aus länglichen Fasern bestehende Bänder, welche, indem sie sich von der Spitze des einen Dornfortsatzes zu der des andern erstrecken, ein zusammenhängendes, über den Kamm der ganzen Wirbelsäulen verlaufendes, die Vorwärtsbeugung des Rückgraths beschränkendes Band bilden. e) Die Querfortsatzbänder (Ligamenta intertransversaria s. processuum transversorum), sind zarte, nur zwischen Querfortsätzen des fünften bis zehnten od. elften W-s vorkommende, einigen Muskeln zur Anlage dienende Sehnenfasern. Vgl. Kopf-, Hals- u. Beckenbänder. An den Halswirbelbändern ist bes. zu bemerken: aa) das starke Nackenband (Ligamentum nuchae), welches vom siebenten Halswirbel an bis zum äußern Hinterhauptshöcker herauf gelangt, bes. in den gabelförmigen Aushöhlungen der Dornfortsätze der Halswirbel sich anlegt u. hauptsächlich mehren Nackenmuskeln zur Anlage dient (daher auch bei den Thieren, welche durch kräftige Ausbildung der Nackenmuskeln sich auszeichnen, vorzüglichstark ist); bb) eine eigene Sehnenbinde innerhalb des Rückenmarkskanals, so weit die Halswirbel diese bilden; cc) ein Kreuzband hinter dem zahnförmigen Fortsatz des Epistropheus, welcher die Hauptbefestigung desselben am Atlas bewirkt; dd) ein durch größere Lockerheit ausgezeichnetes Kapselband des Atlas u. des Epistropheus; ee) das Kapselband des zahnförmigen Fortsatzes. Die übrigen Bänder der Halswirbel sind von den übrigen W-n im Hauptsächlichen nicht verschieden. Durch den eigenen[282] Bau der Halswirbel u. die Eigenheiten der Halswirbelbänder sind die Halsgelenke gegen die übrigen Wirbelgelenke viel freier in ihrer Beweglichkeit, wodurch hauptsächlich auch der Kopf freiere Bewegung erhält. Es gehört zu solchen bes. das Drehgelenk, welches dem Atlas mit dem Kopf verliehen ist, indem er sich um den, im Vordertheile desselben gleichsam eingezapften, zahnartigen Fortsatz des Epistropheus wie ein Rad um seine Achse bewegt. Außerdem verstattet die Gelenkigkeit der Halswirbel unter sich dem Kopf nicht nur bedeutende Vorwärtsbeugung, sondern eben so leichte Seitenbeugungen, selbst Rückwärtsbeugung, wie solches bes. für den freien Umblick von Vortheil ist.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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