Friesische Sprache u. Literatur

Friesische Sprache u. Literatur

Friesische Sprache u. Literatur. Die F. S. ist eine Zweig der Germanischen Sprachfamilie, die während des Mittelalters von dem Volke der Friesen in den Küstenländern des nordwestlichen Deutschlands gesprochen wurde. Dieses Altfriesische bildet in der Reihe der Glieder der Germanischen Sprachfamilie gewissermaßen den Übergang zwischen den sächsischen Mundarten (Altsächsisch u. bes. Angelsächsisch) u. den altskandinavischen Sprachen. Durch die politische Absonderung der Friesen von den Nachbarvölkern u. das zähe Halten derselben an ihren Sitten, ihren Rechten u. ihrer Religion, entwickelte sich ihre Sprache langsamer als die anderen germanischen, aber sie blieb auch gehaltener, weshalb die altfriesischen Sprachdenkmäler des 13. u. 14. Jahrh. noch dieselbe Entwicklungsstufe der Sprache zeigen, wie die althochdeutschen, so wie die angelsächsischen u. altsächsischen des 8. bis 10. Jahrh. Mit Ausnahme einer Anzahl von Eigennamen u. kleinerer Sprachreste, sind die Hauptquellen für das Altfriesische die friesischen Rechtsbücher (s. Friesisches Recht). Die sprachlich wie sachlich bedeutendsten unter denselben sind: Die Emsiger Domen von 1300 od. 1312, Der Brokmerbrief aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrh., Das Recht der Rüstringer aus der ersten Hälfte des 14. Jahrh. u. das unter allen Friesen gültige Asegabuch (âsega ist Rechtfinder, Rechtsprecher), um 1200 verfaßt. Die Gesetze der einzelnen Gaue sind, wenn nicht niederdeutsch od. lateinisch, gewöhnlich in der denm Gau eigenen Mundart, wie der rüstringer, brokmer, emsiger, sivelgoer, hunsigoer, westerlauwerscher Mundart, abgefaßt. Durch den Laubach werden diese Dialekte in zwei Gruppen gesondert. Seit dem 15. Jahrh. wurde das Friesische im Westen durch das Niederländische, in den ostfriesischen Gebieten durch das Niederdeutsche u. Hochdeutsche, in Nordfriesland durch das Niederdeutsche u. Dänische immer mehr zurückgedrängt, so daß es nur in einzelnen Gegenden des gesammten alten Friesenlandes als Volksmundart ein kümmerliches Dasein fristet u. weder in Schule, noch Kirche, noch in gebildeten Kreisen gebraucht wird. Man nennt dieses heutige Friesisch im Gegensatz zu dem Altfriesischen Neufriesisch u. unterscheidet gegenwärtig noch fünf neufriesische Hauptmundarten: a) das Westfriesische, auch Bauernfriesisch od. Landfriesisch genannt, weil es, ohne Schriftsprache zu sein, nur noch von den Landleuten gesprochen wird, ist gegenwärtig auf Molguerum, Hindelopen, Bolswarden, Leeuwarden u. Umgegend beschränkt. Mehrere Friesen sind bes. seit dem dritten Jahrzehnt des 19 Jahrh. um Wiederbelebung des Westfriesischen thätig gewesen u. haben es zu einer Schriftsprache zu erheben gesucht. Unter den älteren Dichtern in friesischer Mundart ist Gysbert Japicz der geschätzteste, dessen Friesche Rymlerye von Epkema (mit Wörterbuch, 2 Bde., Leenw. 1824) neu herausgegeben wurden. In neuerer Zeit werden als die vorzüglichsten u. sprachgewandtesten Dichter Salverda Ytlijlke friesche rymkes, Sneek 1824), Posthumus (Prieuwke fen friesche rijmmelerje, Grön. 1824; In. Jouwerkoerke, ebd. 1836) u. vor Allem E. H. Halbertsma (st. 22. März 1858) geschätzt. Des Letzteren wichtigste poetische Stücke sind: De Lapekoer (pseudonym von Gabe Scroar, Deventer 1822 u. ö.; deutsch von Element, Lpz. 1847); De Noärchen Ruen (ebd. 1836); De Treemter (ebd. 1836); Oan Eolus (Dev. 1837); Twîgen (ebd. 1840) etc. Sonst versuchten sich u. A. noch Fräulein van Affen, P. Deketh, Windsma u. van der Veen als westfriesische Dialektdichter. Die äußerst witzige Volkskomödie Waatze Gribberts brilloft (Leeuw. 1812 u. ö) stammt aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts; ein beliebtes Volksbuch ist It libben fen Aagtje Ysbrants (Sneek 1827). Hettema in Leeuwarden, E. u. I. G. Halbertsma in Deventer u. Andere beschäftigten stch mit der Herausgabe u. Bearbeitung friesische[749] Sprach-, Rechts- u. Geschichtsquellen. Zu diesem Behufe wurde 1829 von I. W. de Crane u. Andern die Friesch Genootschap voor Geschied-, oudheid-en taalkunde zu Franeker gegründet, welche erst ein Jahrbuch u. seit 1850 die gehaltreiche Zeitschrift De vrije Fries herausgibt. E. H. Halbertsmas westfriesische Übersetzung des Evangelisten Matthäi wurde (Lond. 1858) auf Kosten des Prinzen Louis Lucian Bonaparte gedruckt. Sammlungen westfriesischer Sprüchwörter veranstalteten van Holfft (Breda 1812) u. Scheltema (Franeker 1826). b) Das Nordfriesische hat sich mehr od. minder rein von dänischen u. niederdeutschen Einflüssen erhalten in einem Theile der Westküste Südjütlands od. Schleswigs bis Ribe, vornehmlich in der Landschaft Bredstädt, in Böcking- u. Widingharde, an etlichen Orten in Karrharde, bes. aber an den Inseln der genannten Küste, namentlich auf Sylt, Föhr, Amröm, u. zwar in verschiedenen mundartlichen Abweichungen. Lexikalisch wurde diese Mundart von Outzen (Glossarium der F. S., Kopenh. 1837) bearbeitet; reiche Materialien zur Kenntniß derselben hat Clement (s.d.) in seinen verschiedenen Schriften gegeben. Sehr beliebte Dichtungen in diesem Idiom verfaßten Hansen (das Lustspiel: Di gidtshals; Leselust, 2. Aufl., Sonderburg 1833 etc.) u. Foocke Hoissen Müller (st. 1856; Döntjes en Vertelses, Berl. 1857). c) Nahe verwandt mit dem Nordfriesischen, zunächst mit der Sprache von Amröm, doch stark mit Niederdeutschem u. Hochdeutschem versetzt, ist der Helgoländer Dialekt; vgl. Ölrichs, Kleines Wörterbuch zur Erlernung der Helgoländer Sprache, Hamb. 1846. d) Das Wangerogische, nur noch von etwa 350 Bewohnern der Insel Wangerog an der oldenburgischen Nordküste gesprochen, vgl. Ehrentraut, Friesisches Archiv, Osnabrück 1847, Bd. 1. e) Das Satersche, nur in drei von Morästen umschlossenen Dörfern des Saterlandes im Oldenburgischen gesprochen, vgl. Halbertsma u. Posthumus, Onze reis naar Sagelterland, Franeker 1836. Das Wangerogische u. Satersche sind die einzigen Reste des Ostfriesischen, welches sonst ganz durch das Niederdeutsche auf dem Lande verdrängt worden ist, wenn sich auch in diesem manche friesische Wörter u. Ausdrücke erhalten haben. Vgl. Stüremberg, Ostfriesisches Wörterbuch, Aurich 1857; Ehrentraut, Friesisches Archiv, Osnabr. 1847 etc. Eine Grammatik des Friesischen lieferte Rask (Frisisk Sproglaere, Kopenh. 1825; holländisch von Hettoma, Leeuw. 1832); das Beste jedoch gab Grimmm seiner deutschen Grammatik, u. in lexikalischer Hinsicht Richthofen im Altfriesischen Wörterbuch, Gött. 1840. Ziemlich veraltet sind jetzt Wiardas Friesisches Wörterbuch, Aurich 1786; Geschichte der F. S., ebd. 1784.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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