Bleiweiß

Bleiweiß

Bleiweiß, 1) (Cerussa, engl. Blanc de plomb, Lead white), basisch kohlensaures Bleioxyd; entspricht nicht vollkommen dem natürlich vorkommenden Bleispath, indem es Bleioxydhydrat neben kohlensaurem Bleioxyd enthält. Schon Dioskorides kannte es; das Suboxyd, welches entsteht, wenn Blei der freien Luft od. auch mit atmosphärischer Luft geschwängertem Wasser ausgesetzt wird, macht, wenn der schwärzliche Überzug einen weißen Beschlag bekommt, den Übergang dazu, u. ist auch dieser als ein unreines B. zu betrachten. B. wird gewonnen in Bleiweißfabriken a) nach der französischen od. Thenardschen Methode auf nassem Wege. Basisch essigsaures Blei, durch Sättigung von Essig mit Bleioxyd mittelst kalter Digestion über Bleiglätte gebildet, wird mit Kohlensäure behandelt u. liefert dann kohlensaures Blei u. essigsaures Blei, welches letztere durch Digestion mit einer neuen Portion Glätte in basisches Salz verwandelt u. von Kohlensäure zersetzt wird. Auf denselben Principien beruht: b) die Button- u. Dyersche, von Benson verbesserte Methode, indem man Bleizuckerlösung durch Digestion mit Bleiglätte in Bleiessig verwandelt u. durch die Flüssigkeit einen Strom Kohlensäuregas leitet, wodurch B. sich niederschlägt, welches ausgewaschen u. getrocknet wird. Nach c) der älteren holländischen Methode wird ganz reines Blei in einem feineren Strich- od. Formkasten in etwa, 1/10 Zoll dicke Platten gegossen; diese werden mit einem Abstande von etwa 1/2 Zoll spiralförmig zusammengerollt u. in irdene Töpfe (Beiztöpfe) gesetzt, welche 9 Zoll hoch sind, unten 5, oben 7 Zoll im Durchmesser u. etwa 4 Zoll vom Boden ein hölzernes Kreuz haben, auf welchem die Bleirolle ruht. Der untere Theil der Töpfe wird nicht ganz bis zur Höhe des Kreuzes mit Essig gefüllt u. dieser durch gelinde, aber gleichmäßige Wärme zum Verdampfen gebracht, indem man etwa 4–500 solcher Töpfe, nachdem sie mit bleiernen Deckeln verschlossen werden, in großen Behältnissen, in einem Keller od. feuchten Raume, mit Pferdemist od. gebrauchter Gerberlohe umgibt u. bedeckt. Bei gehörig anhaltender Einwirkung wird nun das Blei, mit Beibehaltung seiner Form, ganz in kohlensaures Bleioxyd umgewandelt. Nach Verlauf von 6 Wochen werden die Bleirollen, welche bis auf eine dünne Platte ganz zerfressen u. angeschwollen sind, abgeklopft. Das so gewonnene blättrige Metall wird entweder als Schieferweiß in den Handel gebracht od. in einer Mühle zwischen Granitsteinen in angefeuchtetem Zustande zu Brei zermalmt. Dieser Brei wird in thönernen Töpfen in Zuckerhutform gebracht u. dann an der Luft getrocknet. Nach d) der englischen Methode verfährt man ähnlich wie bei der holländischen, nur daß die Bleiplatten nicht gerollt, sondern in Gitterform gegossen, dann in Lagen über ganz mit Essig gefüllte Töpfe, die wieder auf einer Lage von Gerberlohe ruhen, gelegt werden. Über die Bleilage kommt eine Breterlage, auf diese eine Gerberlohlage, auf welcher abermals Essigtöpfe mit Bleiplatten ruhen etc., bis die zu diesem Behufe in der Erde angebrachte Grube ganz gefüllt ist. Der Proceß dauert drei Monate. Das gewonnene B. wird durch Walzen von dem noch rückständigen unzersetzten Metall befreit, gemahlen, geschlämmt, geformt u. in Trockenstuben getrocknet. Zum Mahlen bedient man sich der Bleiweißmaschine, vom Engländer Ward in Derby erfunden, um das den Arbeitern so schädliche Verstäuben des B-s zu verhindern. In einem hölzernen Kasten sind zwei messingene Cylinder über einander angebracht, unter welchen sich ein hölzerner Zwischenboden befindet, der so dicht wie möglich mit Löchern, von ungefähr 1/2 Zoll im Durchmesser, versehen ist; dieser Kasten wird fast bis über den oberen Cylinder mit Wasser gefüllt u. dann die auf der Oberfläche calcinirte Blechtafel durch die Cylinder getrieben, wodurch das B. losgedrückt u. zugleich klar gerieben wird u. dann durch die Löcher des Zwischenbodens auf den unteren Boden fällt. e) Eine fünfte Methode, welche im südlichen Deutschland gebräuchlich ist, wendet statt der natürlichen die künstliche Wärme an. Die sehr dünn gegossenen Platten fast ganz reinen Bleies werden in halb mit Essig gefüllten Kästen auf Stäbe gehängt u. in einer Wärmekammer 15 Tage lang dem Essigdampfe bei einer Temperatur von 24 bis 28° R. ausgesetzt. Das abgeklopfte B. wird mit Wasser in einen Schlämmapparat von 7 bis 9 Abtheilungen, die terrassenartig auf einander folgen, gebracht. Durch Rühren wird das B. im Wasser aufgeschwemmt, während die unzersetzten Metalltheile zu Boden sinken, gelangt sodann mit dem Wasser in die zweite Zelle, wo sich die gröberen Theile ablagern, dann in die dritte u.s.f. Das in der letzten Zelle gesammelte reinste u. feinste B. führt den Namen Kremser Weiß od. Silberweiß. Die gröberen mit Schwerspath versetzten Sorten kommen unter folgenden Namen in den Handel: mit der Hälfte Schwerspath als Venetianer B., mit 2/3 als Hamburger Weiß, mit 3/4 als Holländer Weiß. Eine andere Bleifarbe (basisches Chlorblei) ist in jüngster Zeit von dem Engländer Pattinson erfunden u. führt den Namen Pattinson'sches B. Es wird aus rohem Bleiglanz gewonnen u. läßt sich bedeutend billiger herstellen, da die Verhüttungskosten des Erzes wegfallen. Es bildet sich durch Behandlung des pulverisirten Bleiglanzes mit concentrirter Salzsäure. Das so gewonnene Chlorblei wird in Kalkwasser zu basischem Chlorblei niedergeschlagen. Es ist zwar als Farbe nicht so weiß wie das gewöhnliche B., besitzt aber[884] eine größere Deckkraft. Hauptsächliche B–fabriken sind in Villach, Schlweinfurt, Genua u. Klagenfurt, Eisenach, Offenbach in Clichy bei Paris. Wenn man eine verdünnte Auslösung des eisig–od. salpetersauern Bleioxyds durch kohlensaure Alkalien zersetzt u. den erhaltenen Rieberschlag auswäscht u. trocknet, gewinnt man Berliner Weiß, eine vorzügliche Sorte B. Das reine B. muß trocken, schwer, blendend weiß, zerreiblich, im Bruch fein u. matt sein u. muß mit Leinöl abgerieben eine dicke salbenartige Consistenz erhalten. Die Verfälschung mit Schwerspath erkennt man leicht durch einen Aufguß verdünnter Salpetersäure, welche das B. auflöst, den Schwerspath aber nicht. Mit Kreide wird das B. zwar auch, aber selten, verfälscht, weil es dadurch schon äußerlich an Ansehen verliert. Im Wasser ist es nicht, dagegen in reiner Essigsäure völlig auflöslich u. schießt dann zu Bleizucker an. Man benutzt B. bes. zu Bleisalben, Firnissen, zu Email u. Flintglas, zu Färbereien, Pergamentbereitung rc., auch zu Öl- u. Wassermalereien; allein wenn schwefelwasserstoffhaltige Dünste (aus Schwefelwasser, Cloaken, aus Weißkohl, faulen Eiern u. dgl.) Gemälde, zu denen solches kam, berühren können, u. diese nicht durch einen Firnißüberzug geschützt sind, so färben sie es, indem sich Schwefelblei bildet; auf diese Art entstehen schwarze Flecken auf solchen Gemälden, die sich jedoch durch Thenards Bleichflüssigkeit (oxydirtes Wasser, Wasserstoffsuperoxyd) leicht tilgen lassen. In neuerer Zeit ist dem B. als Farbematerial in dem Zinkweiß u. Barytweiß (künstlicher schwefelsaurer Baryt) ein mächtiger Concurrent erwachsen; 2) (Min.), Geformtes B., s.u. Bleierze 2) a) aa); 3) Schwarzes B., so v.w. Reißblei ob. auch Wasserblei.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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