Sirēnen

Sirēnen

Sirēnen, 1) (Sirēnes), nach Homer liebreizende Mädchen auf einer Insel bei Sicilien od. an der Küste von Campanien (s. Sirenusá), welche auf einer blumigen Wiese, umgeben von verwesenden Menschengebeinen, saßen, durch süßen Gesang (Sirenengesang) die vorübersegelnden Schiffer anlockten u., wenn diese gelandet waren u. die S. geliebt hatten, auffraßen od. überhaupt ins Verderben brachten. Homer nennt zwei S., Spätere drei: Thelxiope, Molpadia (Molpe) u. Pisinoe (Aglaophonos), od. vier: Aglaopheme, Thelxiepea, Pisinoe u. Ligea; sie sind Tochter des Phorkos od. des Acheloos u. der Melpomene[141] (Terpsichore, Sterope). Vom Schicksal war ihnen bestimmt so lange zu leben, bis Jemand an ihrer Insel vorbeiführe, ohne von ihrem Gesang bethört worden zu sein. Daher sie sich in das Meer stürzten, als Odysseus (s.d. S. 218) ihren Gesang zwar hörte, aber vorbeifuhr, indem er seinen Schiffsleuten die Ohren mit Wachs verklebte, damit sie den Gesang nicht hörten, sich selbst aber an den Mast hatte festbinden lassen, um das Schiff nicht zu ihnen lenken zu können. Nach Späteren geschah dies schon bei der Argonautenfahrt, indem Orpheus ein Lied zur Lyra sang, welches ihren Zauber brach. Eine andere Mythe macht sie Anfangs zu Nymphen im Gefolg der Proserpina auf Sicilien, welche in halbe Vögel (Hühner od. Strauße) verwandelt wurden, als sie ihrer geraubten Gebieterin nicht nacheilen konnten u. sich Flügel wünschten; daher sie auch oberhalb als Jungfrauen, unterhalb als Vögel dargestellt wurden. Nach And. begaben sie sich nach dem Raube aus Zorn über das Geschehene mit schnellen Fittigen nach dem Vorgebirg Pelorum u. brauchten ihre Leier zum Verderben der Vorüberfahrenden. Sie wagten sich einst mit den Musen in einen Wettgesang, wurden aber besiegt, u. die Musen rupften ihnen zur Strafe die Federn aus den Flügeln u. machten sich Siegeskränze daraus. Allegorisirende Philosophen, seit Plato, nahmen acht S. an, welche auf den acht Kreisen des Himmels umhergetragen, die Sphärenharmonie anstimmten, wofür Andere die neun Musen nahmen. Bei spätern Künstlern findet man auch männliche S.; sie erscheinen bis über die Hüften als Menschen, bekränzt u. bärtig, in den Händen eine siebensaitige Leier, nach unten aber, an Füßen, Flügeln u. Schwanz einem Hahne gleich; über der ganzen Gestalt schwebt ein Stern; auch findet man sie mit Flügeln an den Schultern u. ohne Schweif; 2) im gewöhnlichen Leben so v.w. reizende, aber betrügerische Frauenzimmer, wovon auch Sirenengesang für verführerische Künste sprüchwörtlich geworden ist; 3) ein Theil der Hofdamen der Katharina von Medici, s.u. Hugenotten S. 586.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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  • Sirenen — Sirenen, Seirenes Vögel mit Menschenköpfen, die durch ihren wunderbaren Gesang Seefahrer auf ihre Insel lockten und dort töteten. Odysseus* entging, von Kirke* beraten, der Gefahr, weil er seinen Gefährten die Ohren mit Wachs verstopfte und sich… …   Who's who in der antiken Mythologie

  • Sirēnen [1] — Sirēnen (Seirenes), Töchter des Phorkys (s. d.) oder des Acheloos und einer Muse. bei Homer zwei, in späterer Sage drei Jungfrauen, die auf einem Eiland zwischen der Insel der Kirke und der Skylla, auf einer Strandwiese, umgeben von bleichenden… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Sirenen — (Sirenia), Familie der Wall od. Flossensäugethiere; Vorderfüße in einem Hautsäcke steckend, zu Flossen umgewandelt, Hutersüße fehlen od. sind mit dem Schwanze verwachsen, Vorderfüße fehlen od. sind nur im Oberkiefer; leben am Meeresuser, fressen… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Sirēnen [2] — Sirēnen, soviel wie Seekühe, s. Wale …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Sirenen — Sirēnen (grch. Seirēnes), in der altgriech. Religion ursprünglich Totengeister, nach der Odyssee Jungfrauen, die vom Gestade ihrer Insel im fernen Westen die Vorüberfahrenden durch zauberischen Gesang anlockten, um sie dann zu töten; dargestellt… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Sirenen [2] — Sirēnen (Sirenĭa), s. Seekühe …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Sirenen — Sirenen, myth. Wesen, bei Homer auf einer Insel des Westmeeres zwischen der Insel der Circe u. der Scylla hausend, 3 Jungfrauen, welche die Vorüberschiffenden durch ihren zauberischen Gesang an ihre Insel lockten, wo sie durch Schiffbruch den Tod …   Herders Conversations-Lexikon

  • Sirenen — Odysseus und die Sirenen (Vasenbild, ca. 475 450 v. Chr.) Eine Sirene (griechisch Σειρήν Seirēn) ist in der griechischen Mythologie ein weibliches Fabelwesen (Mischwesen aus ursprünglich Frau und Vogel, später auch Frau und Fisch), das durch… …   Deutsch Wikipedia

  • Sirenen — I Sirenen   [nach den Sirenen des griechischen Mythos], die Seekühe.   II Sirenen,   griechisch Seirenes, griechischer Mythos: mit betörendem Gesang begabte Vogeldämonen. Nach der »Odyssee« lockten sie auf einer sagenhaften Insel im Westen die… …   Universal-Lexikon

  • Sirenen (Mythologie) — Sirenen (Mythologie), Töchter der Melpomene oder Terpsichore, holden Gesanges kundige Meerjungfrauen, deren wonnig schöne Gestalt sich in einen Fischleib endete. Mit unwiderstehlichem Gesang lockten sie die Schifffahrer an, die, Alles vergessend …   Damen Conversations Lexikon

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