Finnen [3]

Finnen [3]

Finnen, 1) in weiterer Bedeutung einer der vier Hauptzweige des großen Altaischen od. Turanischen Völker- u. Sprachenstammes, welcher noch gegenwärtig die Grundlage der Bevölkerung des nördlichsten Theiles von Skandinavien u. der weiten Strecken des nördlichen Rußland von der Ostsee bis zur Ostseite des Uralgebirges bildet, während eine andere Abtheilung sich in Ungarn, mitten zwischen Deutschen, Slawen u. Rumänen angesiedelt hat. Neuere Ethnographen unterscheiden in der Finnischen Völkerfamilie wiederum vier Gruppen: A) die Ungarische Gruppe, welche von den sogenannten Obischen Ostiaken, den Wogulen (in den Gouvernements Perm, Tobolsk u. Tomsk) u. den Magyaren (s.d.) in Ungarn gebildet wird; B) die Bulgarische od. Wolgaische Gruppe, mit a) den Tscheremissen in den Gouvernements Kasan, Kostroma, Nischny-Nowgorod, Orenburg u. Wjatka (nach Köppens Ethnographischer Karte von Rußland), 165,076 Köpfe stark; b) den Mordwinen (in den drei Abtheilungen: Ersa od. Ersja, Moksha u. Karatajen), in den russischen Gouvernements Astrakhan, Kasan, Nischny-Nowgorod, Orenburg, Pensa, Ssamara, Ssaratow, Ssimbirsk, Tambow u. Taurien 480,241 Köpfe; c) die Tschuwaschen in den Gouvernements Kasan, Orenburg, Ssamara, Ssaratow u. Ssimbirsk, mit 429,952 Köpfen; C) die Biarmier od. Permische Gruppe, gebildet durch die Syrjanen in den Gouvernements Archangelsk u. Wologda, mit 70,965, die Permier in den Gouvernements Perm u. Wjatka, mit 52,204 u. den Wotjaken in den Gouvernements Kasan u. Wjatka (einschließlich der 4545 Bessermjanen), mit 191,315 Köpfen. Die Teptiäreu (s.d.) enthalten zwar finnische Bestandtheile, sind aber gar kein eigentlicher Volksstamm; D) die eigentlich Finnische od. Baltische Gruppe; zu demselben gehören außer den eigentlichen F., die namentlich in Finnland (s.d.) wohnen, noch die Esthen, mit 633,496 Köpfen, in Esthland, dem nördlichen u. östlichen Livland, sowie die Völkerreste der Liven (sd.) in Kurland u. Livland mit 2072, die Woten (Waitataiser) im Gouvernement Petersburg, mit 5148, die Tschuden (im engeren Sinne) in den Gouvernements Nowgorod u. Olonez, mit 15,617, u. die den eigentlichen F. nahe verwandten Ingrier od. Ischoren im Gouvernement Petersburg, mit 17,800 Köpfen; endlich die Lappen od. Lappländer in den nördlichsten Theilen von Norwegen (Finnmarken), Schweden, Finnland u. Rußland, etwa 6000 Köpfe stark. Derzahlreichste finnische Stamm ist der Magyarische, auf denselben folgen die eigentlichen F. u. in dritter Ordnung die Esthen. Während die drei östlichen Gruppen in ihrer Nationalität durch slawische (russische) Einflüsse bereits mehr od. minder beeinträchtigt worden sind, stehen die Baltischen F. im Süden (Esthen, Liven) unter der Herrschaft hauptsächlich des deutschen, im Norden (F. u. Lappen) des skandinavischen Elements: die Reste der Tschuden, Ingrier u. Woten gehen ihrer völligen Auflösung in die russische Nationalität immer mehr entgegen. In ethnologischer Beziehung tragen alle Finnischen Völker unter gewissen Modificationen das Gepräge der sogenannten Mongolischen Race; sie sind gewöhnlich von starkem Körperbau, mittlerer Statur, zeigen eine etwas eckige Schädelbildung u. plattes Gesicht mit hervortretenden Backenknochen, das Haar ist in der Jugend hell u. weißlich, geht aber später in ein schönes Braun über, die Augen sind meist dunkelgrau, die Gesichtsfarbe fahl, oft gelblich, der Bart dünn. Am weitesten vom mongolischen Typus entfernen sich die Magyaren, doch schon die edleren unter den übrigen Finnischen Stämmen, die eigentlichen F. u. Esthen, können die angegebene Physiognomie nicht verleugnen. Vgl. Erdmann, Beiträge zur Kenntniß des Innern von Rußland, Riga u. Lpz. 1822–26, 2 Bde.; Müller, Der ugrische Volksstamm, Berl. 1837–39, 2 Bde.; Castren, Reiseerinnerungen aus den Jahren 1838–44, Petersb. 1853; Derselbe, Reiseberichte u. Briefe aus den Jahren 1845–49, ebd. 1856; Derselbe, Ethnographische Vorlesungen, ebd. 1857; 2) F. im engeren Sinne, von den Russen Tschuden, in Finnischer [287] Sprache selbst Suomalainen (d.i. Sumpfbewohner) genannt, sind die Bewohner der Nordwestecke Rußlands, namentlich des Großherzogthums Finnland u. der benachbarten Theiledes russischen Gouvernements Archangel, Olonez u. Petersburg. Man zählte 1840 in Finnland 1,166,828 F., wozu noch 171,695 Karelier. sowie 29,375 Aürämöiset (in den Gouvernements Petersburg u. Nowgorod) u. 42,979 Sawakot (im Gouvernement Petersburg) in Rußland kommen. Von Charakter ist der Finne bieder, gastfreundlich, treu, dienstfertig, tapfer, standhaft u. arbeitsam, dagegen aber auch eigensinnig, halsstarrig, widersetzlich, jähzornig; ihre heimlich brütende Rachsucht macht sich oft in gewaltsamen Thaten Luft. Obgleich fast dnrchgehends in sehr unterdrückter Stellung, zeigen sie doch einen gewissen gewichtigen Ernst, sowie eine oft ans Lächerliche streifende Ehrbarkeit u. Bedachtsamkeit. Die Religiosität der F. ist stark, neigt sich doch vielfach zu Aberglauben hin; die Sitten sind noch ziemlich rein u. unverdorben; an hohen Geistesanlagen fehlt es ihnen keineswegs. Das Volk zeigt eine starke Neigung zur Poesie, jedoch mit wehmüthig-idyllischer Färbung; ungemein reich u. schön ist die Volksdichtung der eigentlichen F., s. Finnische Sprache u. Literatur.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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