Berbern

Berbern

Berbern, heißt bei den Europäern nach Vorgang der Araber der Volksstamm, welcher ursprünglich ganz Nordafrika von Ägypten bis zum Atlantischen Ocean u. die ganze westlichere Hälfte der Sahara bis etwa zum 17° u. Br. bewohnte, jedoch schon im Alterthum an den Mittelländischen Küsten von den Phöniciern u. Griechen, später von den Römern, in noch weit höherem Grade aber seit dem 7. Jahrh. n.Chr. von den Arabern beeinträchtigt worden ist. Vorher wohl zum größten Theil Christen, wurden die B. von den erobernden u. sehr zahlreich einwandernden Arabern allmälig sämmtlich zum Islam bekehrt u. der moslemischen Cultur unterworfen. Die B. gehören der Kaukasischen Race an, bilden aber einen ganz eigenen, mehrfach gegliederten Völker- u. Sprachenstamm, der eben so von den mit ihnen vermischt wohnenden Arabern, wie den umwohnenden Negervölkern des Sudan u. der Tibbos in der östlichen Sahara verschieden ist. Die Hautfarbe variirt nach den verschiedenen Stämmen zwischen dem Weiß des europäischen Südländers bis zum dunklen Braun, obgleich ihr Typus bei allen Stämmen, soweit dieselben auch auseinander wohnen, entschieden derselbe ist. Dasselbe gilt auch von den Sprachen der Berberstämme, welche nur noch verwandte Glieder eines eigenen u. selbstständigen Sprachstammes, des Berberischen od. Libyschen Sprachstammes, bilden. Gemeinsam mit den meisten aboriginalen Sprachen Afrikas ist demselben, daß er den Numerus der Haupt- u. Zeitwörter u. selbst das Geschlecht durch Präfixe anzeigt. Der berberische Völker- u. Sprachstamm zerfällt in drei große Abtheilungen: a) die westlichen in Marokko od. die Amazirgh u. Schillukh, welche beide verschiedene Dialekte sprechen. Die Amazirgh (d.i. Edle, Freie) bevölkern das ganze Rîf u. den nördlichsten Theil des Atlas bis zur Provinz Tedla, leben fast völlig unabhängig unter eigenen Häuptlingen od. in kleinen Republiken, u. leben hauptsächlich von Rindviehzucht in Dörfern u. Höfen, während andere in steinernen Häusern u. befestigten Dörfern den Küstenstrich zwischen Mogador u. Agadêr bewohnen. Die Schillukh sitzen im südlicheren Marokko, theils in den großen Ebenen längs der Flüsse Umm-er-rbieh u. Tensift, theils im südlichen Atlas bis zum Ocean hin; sie sind weniger Hirten als Ackerbauer u. Industrielle, u. leben bereits in förmlichen Häusern, Dörfern u. Städten. Zahlreiche nomadische Berberstämme, sowohl der Amazirgh als Schillukh, wohnen in den größern Ebenen am Südfuß des Atlas, bes. im Districte von Tafilelt, der von dem wichtigsten derselben, den Filâli, seinen Namen erhielt. b) Die östlichen Stämme, darunter am bekanntesten die Kabyl en (d.i. Stämme) in den Gebirgsgegenden Algiers, vor allem dem Dschurdschura (s. Kabylen), u. die Schauïa od. Schowiah (d.i. Hirten) im Aurâs bis herab[587] zum mittleren Theile der Provinz Constantine, Ein Berberstamm mit etwas abweichender Sprache sind die Beni-Mzas od. Mozabiten in einer größeren Oase. Wie die marokkischen B. als die Nachkommen der alten Mauren od. Maurusier zu betrachten sind, so hatten die algierischen B. die Numider zu Vorfahren. In Tunis, Tripolis u. Berka sind die B. fast völlig untergegangen; einzelne Rester haben sich im Tunesischen u. bei Sockna in Tripolis erhalten. c) Die südlichen Stämme. Unter ihnen stehen oben an die Tuarek (s.d.), od., wie sie sich selbst nennen, Ymoshar, im westlichen Theil der Sahara, zwischen dem Atlantischen Ocean u. Fezzan. Ihre Vorgänger sind die Gätuli der Alten. Verdorbene Dialekte des Berberischen werden noch in den östlichsten des großen Oasenzugs, in Augila u. Siwah, gesprochen. Ausgestorben sind Guanchen (s.d.) auf den Canarischen Inseln, die dem B-stamme angehörten. Die B. bedienen sich gegenwärtig des arabischen Alphabets, dem sie einige punktirte Zeichen hinzufügen; doch besitzen sie von Alters her eine eigene nationale Schrift (jetzt Tisinaghi genannt), die zuerst auf der zweisprachigen Inschrift zu Thugga erscheint u. etwas modificirt von Einzelnen bes. unter den Tuareks angewendet wird. Eine Berber-Literatur ist nicht vorhanden, wenn auch in neuester Zeit Einiges in Berbersprache geschrieben u. selbst in Algier gedruckt worden ist. Die verschiedenen Dialekte sind nie lexikalisch, nur sehr wenig grammatisch verschieden. Am bekanntesten unter ihnen ist der der Kabylen in Algier. Grammatik u. Wörterbuch der Letzteren lieferte Venture de Paradis (herausgeg. von Somard, Par. 1844); ein französisch-kabylisches Wörterbuch gab das französische Kriegsministerium (Par. 1844) heraus. Grammatische Skizzen der Berbersprache lieferten Hodgson (Philad. 1829) u. Neumann in der Zeitschrift für Kunde des Morgenlandes, Bd. 6.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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