Navarra [2]

Navarra [2]

Navarra (Gesch.). Die ältesten bekannten Bewohner N-s waren die Vaskonen u. sind noch jetzt als Basken darin vorhanden. Geschützt durch die Lage ihres Landes, haben sie weder von den Römern, noch von den Westgothen od. Sueven, noch von den Franken u. Arabern unterjocht werden können. Die Namen der Könige u. das sogenannte Reich Sobrave ist aber bis zu Karl dem Großen durchaus mythisch. Karl der Große eroberte 778 N. nebst andern Gebieten in Spanien bis zum Ebro u. ließ die eroberten Provinzen unter dem Namen der Spanischen Mark durch Markgrafen regieren, welche in Barcelona ihren Sitz hatten. Die Einwohner von N. benutzten die Niederlage eines fränkischen Heeres unter Aznar in den Pyrenäen, um sich unabhängig zu machen, u. wählten Sancho zu ihrem Grafen, nach dessen Tode 853 dessen Sohn Garcias; diesem folgte 857 sein Sohn Garcias Ximenes als König von N., s.u. Spanien (Gesch.). Nach der Ermordung Sancho's IV., 1076, wurde N. mit Aragonien vereinigt. Als das Haus Aragonien mit Alfons I. 1134 ausstarb, begann in N. eine neue Regentenreihe mit Garcias Ramiro IV., welche im männlichen Stamme mit dessen Enkel Sancho VII. 1234 ausstarb; worauf ein Zweig des Hauses Champagne mit Theobald I., einem Neffen Sanchos VII., dem Sohne der Anna Blanca u. des Grafen Theobald III. von Champagne, auf den Thron von N. kam. Dieser Zweig der Grafen von Champagne starb mit Theobalds zweitem Sohne Heinrich I. 1174 im Mannsstamme wieder aus, s.u. Spanien (Gesch.). Für Heinrichs dreijährige Tochter, Johanna I., setzten die Stände eine Regentschaft ein, bestehend aus der Königin Mutter, Blanca von Artois, u. Don Pedro Sancho von Montaigu; aber Blanca entweite sich mit Montaigu u. floh mit ihrer Tochter nach Frankreich. König Philipp III. der Kühne schickte Eustache von Beaumarchais'nach N., nm die Ruhe herzustellen. Dagegen schlossen die Navarresen eine Union zur Vertreibung der Franzosen u. belagerten dieselben in Pampelona; der König schickte ein neues Heer unter dem Grafen Robert von Artois u. dem Connetabel Imbert von Beaujean nach N., u. Pampelona wurde Ende September 1276 mit Sturm genommen. 1284 vermählte sich Johanna mit dem französischen Prinzen Philipp I. dem Schönen (als König von Frankreich Philipp IV.) u. st. 1305. Ihr Sohn, Ludwig I. (als König von Frankreich Ludwig X.), regierte bis 1316, dann dessen Bruder Philipp II. (als König von Frankreich Philipp V.) bis 1322, u. Karl I. (als König von Frankreich Karl IV.) bis 1328. Nach des Letzteren Tode u. nach dem Aussterben des Mannsstamms der Capetinger erbte Ludwigs Tochter, Johanna II. (welche eigentlich rechtmäßige Ansprüche auf die Thronfolge in Frankreich gehabt hatte, indem erst unter Philipp V. das Salische Gesetz zur Geltung kam) N., das ihr, da immer Frauen, in Ermangelung der männlichen Erbfolge, succedirt waren, bereits seit 1316 gebührt hätte, u. wurde 1329 mit ihrem Gemahl Philipp III. dem Guten, Grafen von Evreux, zu Pampelona gekrönt. Nachdem Philipp 1343 vor Algesiras geblieben u. Johanna 1349 gestorben war, folgte ihr ältester Sohn, Karl II. der Böse. 1353 verlangte er von Frankreich Champagne u. Brie, worauf er von seiner Mutter her Ansprüche hatte, u. auch auf Burgund, König Johann gab ihm dafür die Prinzessin Johanna zur Gemahlin u. die Städte Mantes u. Meulan zur Mitgift. Den Connetable von Frankreich, Karl de la Cerda, ließ er, weil derselbe auf die Grafschaft Angoulème Anspruch machte, ermorden. Dann verführte er den Dauphin, nachmals Karl V., zur Empörung gegen seinen Vater Johann; aber Karl mit seinem Vater versöhnt, lockte ihn nach Rouen u. ließ ihn gefangen nehmen. Doch entkam er mit Hülfe der Engländer aus der Haft. 1360 sicherte ihm der Vertrag von Bretigny alle seine Lehen in Frankreich, u. 1365 trat er in einem neuen Vertrage mit Frankreich seine Ansprüche auf Brie u. Champagne gegen Montpellier ab. Als er sich mit dem Prinzen von Wales u. dem König von Aragonien für Peter den Grausamen von Castilien gegen Heinrich Transtamare verband, u. dieser sich mit Hülfe Frankreichs auf dem Thron behauptete, eilte Karl nach London, um im Bündniß mit England Schutz gegen Castilien u. Frankreich zu finden, machte aber gleichwohl bei seiner Rückkehr einen Besuch am Hofe Karls V. von Frankreich u. wurde hier beschuldigt, einen Vergiftungsversuch gegen den König gemacht zu haben. In dem Kriege gegen Frankreich u. Castilien wurde sein Reich verwüstet, u. er konnte nur durch Auslieferung von 20 Plätzen an Castilien als Pfand 1379 den Frieden erlangen. Karl st. 1387. Karl III. der Edle, sein Sohn, folgte ihm; er lebte mit seinen Nachbarn in Frieden, begünstigte Künste u. Wissenschaften, trat 1403 alle seine Ansprüche auf Brie, Champagne u. die Stadt u. das Territorium von Nemours mit dein Titel eines Herzogthums an Frankreich ab u. st. 1425 zu Olite. Seine beiden Söhne waren vor ihm gestorben; daher folgte seine Tochter Blanca, seit 1409 Wittwe vom König Martin von Sicilien u. seit 1419 mit Johann, Sohn des Königs Ferdinand von Aragonien, vermählt. Nach Blancas Tode 1449 wollte ihr Sohn, Karl von Viana, seinem Vater N. nicht überlassen u. empörte sich; König Johann II. besiegte ihn aber, nahm ihn gefangen u. hielt ihn in dem Schlosse Taffala fest u. ließ ihn erst nach Jahren, als er versprach, sich nur nach dem Tode seines Vaters König von N. zu nennen, wieder los. Nach dem Tode seines Oheims, des Königs Alfons V. von Aragonien, erbte er Aragonien, Catalonien, die Balearen, Sicilien u. Sardinien[725] u. nahm den Namen Johann II. an. So war denn N. wieder mit Aragonien vereint. Johann ernannte nun seinen Sohn Karl von Viana zum Statthalter von N., doch empörte sich dieser abermals, wurde wieder gefangen u. starb 1461 an dem Tage, wo er losgelassen werden sollte. König Johann hinterließ bei seinem Tode 1479 eine Tochter, Eleonore, welche in N. seine Erbin u. an den Grafen Gaston von Foix u. Vicomte von Bearn vermählt war. Durch Gaston kam Bearn an N. Als Eleonore 1479 starb, erbte N. ihr Enkel, Franz Phöbus, Sohn ihres ältesten Sohnes Gaston, Vicomte von Castelbon u. Fürst von Viana, welcher 1470 gestorben war; er stand Anfangs unter Vormundschaft seiner Mutter, Magdalene von Frankreich, u. seines Vetters des Cardinals Peter von Foix, wurde in Pampelona 1482 gekrönt u. in Bearn 1483 vergiftet. Ihm folgte seine Schwester, Katharina, seit 1484 mit Johann von Albret vermählt. Johann wurde wegen seines Bundes mit Ludwig XII. von Frankreich von dem Papst Julius II. in den Bann gethan, u. Ferdinand der Katholische, König von Aragonien, die Erlaubniß des Papstes, sich seines Landes zu bemächtigen benutzend, eroberte 1512, da Johann wegen Parteiungen im Lande keinen Wistand leistete, das ganze Hoch-N. Dieses wurde nun als Spanisches N. Spanien einverleibt u. theilte dessen Schicksale, doch blieben ihm seine Fueros (s. Spanien Gesch.). Heinrich II., Johanns Sohn, folgte ihm 1516 in Nieder-N, d.i. in dem kleineren Theil im Norden der Pyrenäen u. in Bearn. Zwar versuchte er 1521 nach dem Tode Ferdinands von Aragonien sich mit Frankreichs Beistand wieder in den Besitz des Spanischen N-s zu setzen, doch wurde er nebst der französischen Hülfsmacht von Karl I. schnell vertrieben, behauptete sich aber jenseit der Pyrenäen. Heinrich heirathete 1527 Margarethe von Valois, Schwester des Königs Franz I. von Frankreich, welche sich durch Anlegung von Bildungsanstalten sehr um das Land verdient machte. Heinrich II. st. 1555 zu Hagerman in Bearn; seine Erbtochter, Johanna von Albret, verheirathet mit Anton von Bourbon, Herzog von Vendome, folgte ihm. Den Bann des Papstes Pius V. nicht achtend, führte sie die Lehre Calvins in N. ein. Ihr Gemahl, ein schwacher u. eitler Fürst, war seit 1555 in die Unruhen in Frankreich verwickelt u. neigte sich zum Calvinismus, obgleich er auch abwechselnd gegen die Hugenotten focht. Er st. 1562, seine Gemahlin st. 1572. Ihr Sohn, Heinrich III. (s. Heinrich 28) bestieg 1589 als Heinrich V. den französischen Thron u. vereinigte N. völlig mit Frankreich (s.d. [Gesch.] VII. A). Bis 1789 nannten sich die französischen Könige Könige von Frankreich u. N., doch hatte das letztere Königreich stets eine besondere Verwaltung, welche aus einem Gouverneur u. einem Königslieutenant bestand, u. nach dem Réunionsedict von 1607 hatte es ein bes. Parlament zu Pau u. einen Seneschall zu Saint-Palais. Noch 1789 waren die Deputirten des französischen N-s so eifersüchtig auf ihre Freiheiten, daß sie von dem nun constitutionellen König einen besonderen Eid verlangten, u. als derselbe verweigert wurde, verließen sie die Constituirende Versammlung, versuchten aber vergeblich die Union mit Frankreich zu lösen. Alle Privilegien N-s wurden durch die Französische Revolution aufgehoben. Von 1810–30 nannten sich die älteren Bourbonen wieder Könige von Frankreich u. N., aber die Julirevolution schaffte diesen Titel aufs Neue ab. Das Französische N. bildet jetzt die Departements Ober- u. Nieder-Pyrenäen. Vgl. Olhagary, Hist. de Foix, Béarn et Navarre, Par. 1609; Faryn, Histoire de Navarre, ebd. 1622; Mazure, Histoire de Béarn, Par. 1839.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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