Jüdische Literatur

Jüdische Literatur

Jüdische Literatur. Die I. L., die man auch, aber unpassend, Rabbinische Literatur nennt, beginnt in demselben Zeitalter, in welchem der Übergang des Hebraismus in das Judenthum (s.d.) stattfand. Auf der Hebräischen Literatur (s.d.) wurzelnd u. meist in Hebräischer Sprache fortschreitend, nahm sie erst persische Religionsbegriffe, griechische Philosophie u. Römisches Recht, später arabische Poesie u. Philosophie u. europäische Wissenschaft in sich auf, wußte sich aber alles Fremde zu assimiliren u. dem väterlichen Glauben unterzuordnen. Obgleich sie ohne äußere Aufmunterung blieb, schritt sie durch dritthalb Jahrtausende im Gang ununterbrochener Entwickelung vorwärts, einerseits sich allen irgendwie zugänglichen literarischen Entwickelungen der Länder u. Völker anschließend, andererseits ganz eigenthümliche Literaturkreise schaffend. Man kann die Geschichte der J-n L. in vier Perioden theilen.

I. Die erste Periode reicht von Esra bis zur Einwirkung der arabischen Wissenschaft u. bis zum Hervortreten Europas. Nach der Restauration der jüdischen Nationalität in Palästina schlossen sich die bedeutendsten Männer der Zeit an Esra u. bildeten die Große Synagoge (Synagoga magna), deren Thätigkeit sich bis zur Zeit der Makkabäer hinzieht; durch dieselben wurde der Pentateuch od. das schriftliche Gesetz u. die Propheten gesammelt u. beide zu dem Mittelpunkt alles Denkens u. religiösen Thuns erhoben. Das allseitige Verständniß dieser heiligen Schriften wurde somit der Schwerpunkt für den jüdischen Geist u.[161] bestimmte die Richtung für die gesammte J. L. In dem ersten Abschnitte dieser Periode, die mit dem Jahre 143 v. Chr. abschließt, zeigt sich die ganze spätere Entfaltung noch gleichsam im Keime beschlossen. Es entstanden in dieser Zeit noch mehrere der sogen. Hagiographa des A. T., einzelne Psalmen, die Sprüche Salomos (wenigstens in der vorliegenden Gestalt), Koheleth, die Bücher der Chronik, Theile von Esra u. Nehemia, Esther u. Daniel. Als mit Alexander dem Großen u. der Herrschaft der Diadochen die griechische Philosophie auch nach dem Orient versetzt wurde, gelangte auch der jüdische Geist zum Selbstbewußtsein u. veranlaßte die Entstehung religiös-politischer Parteien u. Schulen; gegen Schluß dieses Abschnittes zwischen 190–170 v. Chr. treten auch Schriftsteller in ihrer Persönlichkeit auf, wie Jesus Sirach u. Aristobulos. Während sich hierauf im folgenden Zeitraum in Palästina die erweiterte religiöse Praxis über Alles erhob u. das von Simon 143 v. Chr. eingesetzte Synedrium der Träger der Gesetzautorität wurde, rief der Synkretismus Ägyptens den Alexandrinismus hervor. Man sammelte allmälig auch die Hagiographen u. brachte den Canon zum Abschluß; solche Schriften in griechischer od. aramäischer Sprache (welche letztere zur Volkssprache in Palästina geworden war), die erst geschrieben wurden, mußten daher als Apokryphen (s.d.) gelten. Außerdem schrieben in Griechischer Sprache noch Philo, Josephos, der Dichter Ezechiel, ferner Jason, Fuscus, Theodoret u.a. Neben dieser schriftstellerischen Thätigkeit ging aber eine noch viel ausgedehntere Lehrthätigkeit einher, welche die Grundlage der späteren Literatur des Talmud, Midrasch u. Targum, bildet. Letztere besteht nicht aus selbständigen eigenen Schriften, sondern ist eine ganz große Collectivliteratur, welche nirgends ein Analogon findet u. mehr als ein Jahrtausend hindurch die eigenthümliche Nationalliteratur der Juden bildet.

Mit Errichtung des zweiten Tempels waren an die Stelle der früheren Leviten u. Priester die Schriftgelehrten od. Soferim, an die der früheren Priester- u. Prophetenschulen Bildungsanstalten für jene getreten, in denen die Beschäftigung mit dem Gesetz u. die Forschung darüber (Midrasch) eine Hauptsache war. Nicht nur in diesen Gelehrtenschulen wurden für Kundige u. Schüler Lehrvorträge u. Discussionen gehalten, sondern die Soferim wandten sich auch in freieren populären Reden, Predigten u. Homilien theils in den Synagogen, theils bei verschiedenen Veranlassungen des öffentlichen u. Familienlebens an das gesammte Volk. Alle diese Vorträge verschiedenster Art, für welche jedoch die Heilige Schrift der nothwendige Ausgangs- u. Mittelpunkt war, heißen Midrasch im weitesten Sinne des Worts. Bei der großen Verschiedenartigkeit der Elemente, welche schon die Bibel enthält, war es natürlich, daß die verschiedenartige Auslegung, Anknüpfung u. Benutzung allmälig ein buntes literarisches Gewebe im Gefolge haben konnte. Wie in der ganzen Thätigkeit jener Zeit, so entwickelte sich aber auch im Midrasch ein Gegensatz, der später noch zu weiteren Divergenzen führte: der Gegensatz der Halacha u. Haggada. A) Die Halacha umfaßt das Gesammtgebiet der juridisch-politisch-religiösen Praxis, wie sich dieselbe nicht nur aus dem geschriebenen Mosaischen Gesetz, sondern auch aus der von den Zeiten der Sinaitischen Gesetzgebung mündlich fortgepflanzten Tradition (Kabbala), sowie aus den von Frommen u. Weisen aller Zeiten herrührenden, nach gewissen traditionellen Gesetzen der Interpretation ausgelegten u. angewandten Verordnungen, Einrichtungen u. Umzäunungen gestaltet hat. Die Halacha wurde durch Jahrhunderte nur mündlich fortgepflanzt. Zur Zeit der Soferim od. Großen Synagoge bildeten sich theils E. klärungen u. Erläuterung zum Pentateuch, die gleich in die Schrift hineingetragen, aber durch Zeichen (die Grundlage der späteren Masora) angedeutet wurden; theils schufen sie aus eigener Autorität Vorbeugungsgesetze (Zäune), die sogen. Dibre soferim, soferischen Vorschriften, welche den Gegensatz zu den aus der Bibel hervorgehenden u. derselben gleichgestellten traditionellen Gesetzen bilden. Als durch die politischen Ereignisse u. den Wechsel der Herrschaft auch das gesammte Leben der Juden eine Umgestaltung erfuhr, war auch eine Erweiterung u. Feststellung der das ganze politische, religiöse u. juridische Leben regelnden gesetzlichen Vorschriften, sowie weiter einestheils eine bestimmte Formulirung derselben, anderntheils bei dem fortdauernden Anknüpfen des Gültigen u. Bestehenden an die Bibel, auch die Ausbildung bestimmter hermeneutischer Methoden nöthig. Die Formulirung der halachischen Lehren geschah in oft änigmatisch kurzen Sentenzen (ebenfalls Halacha, Plur. Halachoth genannt), die in einer hebräischen Schulsprache (nicht der aramäischen Volkssprache) abgefaßt sind u. deren genaue Einprägung den Schulen zur Pflicht gemacht wurde. Der Verfasser od. Referent solcher Halachoth hießen (chald.) Thannaim. Jene kurzen Halachoth bedurften, um verständlich u. bei indessen geänderten Lebensverhältnissen anwendbar zu sein, einer weiteren Auslegung od. Besprechung, woraus der halachische Midrasch (Midrasch hahalachah) entstand, während die Erörterung des Verhältnisses der Halacha selbst zur Bibel den Midrasch der Schrift (Midrasch hakkethubim) bildeten. Die gesammte Behandlung der Halacha wurde mit der Bezeichnung Talmud (hebr.) od. Gemara (chald.) zusammengefaßt. Als die Zahl der einzelnen Halachoth anwuchs, begann man dieselben nach verschiedenen Rücksichten hin zu rubriciren. Die Geschichte der Abfassung u. allmäligen Zusammenfassung der Halacha knüpft sich bes. an die Schulen, die Schulhäupter u. obersten Rechtscollegien. Als Restaurator der seit den makkabäischen Kriegen gestörten od. wenigstens getrübten Tradition u. des mündlichen Gesetzes wird zur Zeit des Herodes Hillel genannt, dessen Schule sich jedoch mit der seines Collegen Schammai nicht in völligen Einklang setzen konnte. Das auf einige Zeit (45–70 n.Chr.) gestörte Studium erhob sich von Neuem in der schon unter Gamaliel dem Alten blühenden Schule zu Jamnia, wohin Jochanan Ben Salkai mit anderen Gelehrten ausgewandert war, u. von wo aus das Studium u. die Entwickelung der Halacha einen neuen Impuls erhielt. Zwar suchte der Nachfolger des Letztgenannten, Gamaliel Ben Simon Ben Gamaliel (um 100 n.Chr.), der zu Jamnia ein neues Synedrium sammelte u. jedenfalls als Vorsteher desselben zuerst den Titel Nasi (Fürst) führte, noch einmal, indem er die Aussprüche von Hillel's Schule als normativ hinstellte, die Einheit der Praxis gegenüber den Widersprüchen der einzelnen Schulen zu verwirklichen, allein seine Bemühungen[162] scheiterten, u. angesehene Männer wirkten selbständig in Schulen an verschiedenen Orten, wie Ebeneser Ben Hyrcan zu Lydda, Josua in Pekiin, Jehuda aus Batyra in Nisibis etc., wie denn überhaupt mit der Zerstreuung der Juden auch jüdische Gelehrsamkeit nach Arabien, Kleinasien bis nach Rom hin verpflanzt wurde. Bes. wirkte der berühmte Proselyt Akiba (st. 122) ebenso durch seine Reisen, wie in seiner Schule zu Bene Barak. Nach dem Aufstande des Bar-Kochba erstand die Schule zu Tiberias, welche eine weitberühmte u. einflußreiche Stätte jüdischer Gelehrsamkeit wurde. Als Gelehrte zeichneten sich aus Simon Ben Gamaliel, Rabbi Natan der Babylonier, R. Meir Elieser Ben Jose u.a. Das bereits von Hillel begonnene Werk, aus den angehäuften Massen der Halacha einen Canon zu sammeln, wurde von dem erwähnten R. Simeon fortgesetzt u. durch dessen Sohn R. Jehuda (st. 191), dem Freunde Marc Aurel's, der vorzugsweise auch mit dem zum Ehrentitel gewordenen Namen Rabbi genannt wird, zu Ende geführt, weshalb er auch gewöhnlich als Verfasser od. vielmehr Redactor der Mischna (s.d.) bezeichnet wird. Durch Abba Aricha (st. 243), den Schüler Jehuda's, wurde dessen Mischna nach Babylonien verpflanzt, wo sich seitdem eine größere gelehrte Thätigkeit entwickelte. Obgleich die Mischna (Mischnijjot) des Jehuda, die jedoch durch verschiedene Andere noch Umgestaltungen erfuhr, durch Umstände verschiedener Art allmälig zum Ansehen eines Canons gelangte, so wurde daneben von dem erwähnten Abba Aricha, dessen jüngeren Zeitgenossen Chijja u. den noch jüngeren Oschaja eine andere Sammlung der Halacha, die Externe Mischna hebr. Mischna chazunah, chald. Matnito Boraito), gewöhnlich Boraita genannt, zusammengestellt. Chijja u. Oschaja sammelten bereits auch die Discussion u. sonstige in der Mischna übergangene Zusätze der Halacha, die sogen. Tofesta. Ebenso entstanden um diese Zeit Sammlungen, welche die Exegese u. Methodologie der Halacha feststellten, wie sie von älterern Lehrern gepflegt wurde. Dahin gehören die Werke Sifra, aus der Schule Abba Aricha's (auch schlechthin Rab genannt) hervorgegangen, u. die Mechilta. Der bisher stetig fortgeführte Überbau des mit frommer Sorgfalt gehüteten Materials der Vergangenheit wurde in den sich in Palästina u. Babylonien mehrenden Schulen immer weiter fortgeführt. Das was in der Mischna u. den erwähnten Sammlungen bereits zu einem Fertigen geworden war, wurde neuerdings Gegenstand mündlicher Auslegung u. Discussion u. mußte an die Bibel angeknüpft werden. Die Schriftdeutung wurde daher immer willkürlicher, die Methodologie immer verwickelter u. endlich das traditionelle Element der Halacha durch die Speculation (Hajajot, subjective Erörterungen) überschattet. Das Bedürfniß nach Sichtung u. Unterordnung des neugewonnenen Materials unter das alte stellte sich immer mehr heraus, u. nachdem einmal selbst die alte Halacha (in der Mischna) u. deren Erläuterung durch die Schrift zum Canon erhoben worden war, wurden die nachfolgenden, sich daran schließenden Erörterungen periodisch ebenfalls schriftlich, weniger wohl durch Einzelne, als durch ganze Schulen redigirt. So entstand 370–80 zu Tiberias der sogen. Jerusalemische (richtiger Palästinensische) Talmud (richtiger Gemara), der fälschlich dem Rabbi Jochanan (st. 279) zugeschrieben wird. Während bald darauf das Ansehen Palästinas sank, u. in Babylonien die Schulen zu Sura, Pumbedita, Nehardea, Mahusa, Neresch unter Schulhäuptern (Resch Metibta) u. sogen. Exilfürsten (Resch Geluta) erblühten, vermochte es Rab Asche (st. 427), Schulhaupt zu Sura, während seiner langen Amtsdauer mit seinen vielen Schülern den gesammten halachischen Stoff zu sammeln u. zu ordnen; sein Sohn, der dieses Werk beendete, Mar Ben Asche (st. 467) wird als die letzte talmudische Autorität bezeichnet. Die Redaction der Babylonischen Gemara erfolgte durch R. Jose, Vorsteher zu Sura (st. 475). Während man die jüdischen Gelehrten, welche sich mit der Halacha beschäftigten, bis dahin Amoraïm genannt hatte, erhielten die jüdischen Lehrer seit der zweiten Hälfte des 5. Jahrh. den Namen Saboraïm. Die letzten derselben müssen den Babylonischen Talmud bereits in der Form gehabt haben, in welcher er noch gegenwärtig im Drucke vorliegt. Der Talmud (s.d.) war in dieser Zeit ein bereits fertiges Schriftliches das selbst wieder Gegenstand der Auslegung, Erörterung u. Discussion war; Mischna u. Talmud wurden als lebendige Commentare der Schrift angesehen u. allen späteren Entwickelungen zu Grunde gelegt. Nach jahrhundertjähriger Unterbrechung erhob sich gegen Ausgang des 6. Jahrh. Babylon auf Jahrhunderte von Neuem zum geistigen u. religiösen Primat durch die hochangesehenen Schulhäupter zu Sura u. Pumbedita, von welchen zuerst Hanan (589) den Titel Gaon (Excellenz) geführt haben soll. Die Literatur der Zeit der Gaonim beginnt jedoch erst um die Mitte des 8. Jahrh.; bis dahin fuhr man mit Verbreitung des Talmudstudiums fort. Gegen das Ende diese Periode verfaßte R. Simon aus Kahira die Halacho Gedolot, deren Schlußredaction in die Mitte des 9. Jahrh. fällt; bereits um die Mitte des 8. Jahrh. waren die Scheeltot des R. Acha aus Schabcha entstanden. In Palästina scheint seit Abschluß des Jerusalemischen Talmuds nichts Bedeutendes geschehen zu sein; dagegen erhielt dort im 6._– 8. Jahrh. die Masora (s.d.) ihre Ausbildung zu einer weitläufigen Wissenschaft, auch wurden einzelne Targumim abgefaßt.

Am thätigsten jedoch war Palästina mit den ihm näher verbundenen Ländern Kleinasien, Griechenland, Italien auf dem Gebiete B) der Haggada. Obgleich die Haggada einen viel weiteren Spielraum für die Thätigkeit des Midrasch gewährte als die Halacha, so blieb doch für dieselbe immer die Heilige Schrift Mittelpunkt; allein für sie bestand kein Unterschied zwischen dem Gesetz u. anderen Bibelschriften, sie konnte ganz frei anknüpfen u. den ganzen Inhalt der Bibel als einen geläufigen u. typischen ungehindert ausbeuten. Eine Ausprägung in bestimmte unveränderliche Formeln war nicht nöthig; auch begann man frühzeitig die Haggada für Schule u. öffentlichen Vortrag schriftlich aufzuzeichnen. Die Haggada begreift alle religiösen u. geschichtlichen Auslegungen in sich u. ist verschiedener Art. In vielen Sammelwerken halachischer Art findet sich auch vieles, was der Haggada angehört, wie namentlich auch in der Babylonischen Gemara. Dahin gehören auch die Anfänge einzelner Wissenschaften, welche Übergänge zwischen Halacha u. eigentlicher Haggada, namentlich Geheimlehre bilden, wie Natur- u. Heilkunde, Mathematik u. Astronomie. Doch kann von einer[163] eigenen Literatur dieser Wissenschaften in dieser Periode noch nicht die Rede sein. Soweit die Haggada selbständig auftritt, läßt sich die allgemeine Haggada von der speciellen od. Auslegungshaggada unterscheiden. Die erstere zerfällt wieder in drei Hauptgruppen: a) die ethische Haggada, od. der Maschal; die ethischen Lehren erscheinen noch nicht als System, sondern in halbpoetischer Form, als Gnome u. Sprüchwort, od. in künstlicherer Form als Räthsel u. Apolog, Fabel u. Parabel. Im Talmud werden einige Fabelsammlungen u. R. Meir u. Bar Kappara als Fabeldichter genannt. Zur Literatur gehören aus den griechischen Apokryphen Jesus Sirach (s.d.), dessen einzelne Elemente in dem späteren Sefer Ben Sirach vorkommen, u. im Pseudo-Esra die Zuthat: Von der Weisheit Serubabels. Zu den ältesten Sammlungen ethischer Sentenzen gehört das verlorene Megillat Setarim od. Megillat Chasidim, welches vorzüglich Aussprüche des berühmten Jose Ben Jehuda enthielt. Die älteste vollständig erhaltene, angesehenste u. überhaupt wichtigste Gnomologie ist der Tractat der Mischna, welcher den Titel Pirke Abot (Sprüche der Väter) führt u. ein Mittelpunkt für die späteren jüdischen Ethiker geworden ist. Hieran schließen sich u.a. die Abot des R. Natan u. als Spätling der 974 von einem Babylonier verfaßte Tana debe Eliahu od. Seder Eliahu. b) Die zweite Gruppe der allgemeinen haggadischen Literatur begreift die Sage u. Legende; ihre Ausläufer reichen noch tief in die folgende Epoche der jüdischen Literaturgeschichte hinein. Es gehören dahin außer der Haggada Pesach, der auch schlechthin Haggada genannten, für den Osterabendritus bestimmten Osterhaggada; die Megillat Taanit, schon im Anfang des 2. Jahrh. aramäisch vorhanden, ferner die Megillat Juchasin, vielleicht auch ein apokryphes Buch Adam, sowie aus späterer Zeit das Buch Serubabel, das aramäische Buch Antiochus etc. Später wurden die berühmten Tannaim u. Amoraim durch die Sage verherrlicht, bis die haggadische Literatur zur Zeit der späteren Gaonim in wirkliche Pseudepigraphie ausartete. Biblische Sagenkreise behandeln meist in halbpoetischer hebräischer, immermehr puristischer biblischer Sprache die Thaten Abrahams, zum Theil nach arabischen Legenden; der Midrasch Vajis'u über die Kriege von Jakobs Söhnen; der Midrasch vom Ableben Mosis; Legenden von arabischer Färbung sind die Geschichten von Salomo, talmudische Sagenkreise finden sich einzeln bearbeitet in: Geschichte von R. Josua Ben Levi, auch Tractat vom Paradies genannt; Geschichte der zehn Märtyrer, auch Midrasch ele eskera genannt; der Midrasch der zehn Gebote, eine Sammlung von Erzählungen nach dem Inhalte des Dekalogs, welche den Übergang zu förmlich angelegten größeren Sammlungen mit bestimmter Auswahl bildet. c) Die dritte Gruppe der allgemeinen haggadischen Literatur, die der speculativen Schriften, zeigt sich in dieser Periode erst in ihren Anfängen als Midrasch der Vision Ezechiels u. der Schöpfungsgeschichte. Die specielle Haggada, od. der Midrasch im engsten Sinne, ist gewissermaßen die alte jüdische Exegese u. Homiletik. Die hierher gehörigen Schriftwerke erscheinen daher als eine Art von Commentar über einzelne Bücher der Heiligen Schrift. Dahin gehören die unter dem Namen Midrasch Rabba od. Rabbot bekannten zehn Midraschila über den Pentateuch u. die fünf Megillot, deren ältester schon im 6., der jüngste im 12. Jahrh. zum Abschluß kam. Einen vollständigen, den Perikopen ausgezeichneter Tage sich anschließenden Cyklus von Vorträgen bildet die um 700 angelegte alte Pesikta, gegen welche die Pesikta rabbati um wenigstens anderthalb Jahrhunderte jünger ist. Der wahrscheinlich in Süditalien in der zweiten Hälfte des 9. Jahrh. gesammelte Midrasch Tanchuma od. Tanchuma-Jelamdenu ist die älteste den ganzen Pentateuch umfassende Auslegungshaggada. Sonst sind noch der Midrasch der Psalmen (Schocher Tob) u. die Boraita des Elieser Ben Hyrcan, sowie von anderer Art der Midrasch Vajoscha (über Ex. 14, 30 ff.) zu nennen. An die Stelle der schaffenden Thätigkeit in der Haggada u. dem Midrasch treten im 11. Jahrh. Compilationen u. Sammelwerke, die jedoch, wie der Midrasch Jalkut von R. Simon Kara, manches Verlorene aufbewahren. Im innigsten Zusammenhange mit der Entwickelung des Midrasch entsteht die der gesammten Liturgischen Literatur der Juden, als deren wichtigster Theil das Gebet zu betrachten ist. In der Talmudischen Periode wirkten für Abschaffung od. Feststellung der Liturgie Gamaliel der Jüngere u. R. Jochanan in Palästina; Rab u. Samuel in Babylon.

II. Die zweite Hauptperiode inder Geschichte der J-n L. umfaßt die Zeit vom 8. bis zum 15. Jahrh., vom Beginn der arabischen Wissenschaften bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien. Die Entwickelung der J-n L. erfolgt bereits in der Zerstreuung unter dem Einfluß verschiedener Nationalitäten u. Sprachen, sowie des Christenthums u. des Islam; sie ist reicher u. verzweigter, die Person des Autors kommt erst jetzt zur Geltung, wie die einzelnen Schriften das Gepräge einer bewußten beabsichtigten geistigen Schöpfung mit aller Rücksicht für die Form. Von Babylonien u. Irak aus folgte die jüdische Bildung den Zügen der Araber nach Nordafrika, Spanien u. dem südlichen Frankreich (Provence); von Palästina aus hatte sich hingegen dieselbe schon vorher über die Länder der römischen u. christlichen Herrschaft (Kleinasien, Griechenland, Norditalien, Frankreich, Deutschland) verbreitet; gegen Ende des 9. Jahrh. kamen jüdische Gelehrte von Lucca aus nach Mainz. Mit dem 10. Jahrh. trat die J. L. Europas für immer in den Vordergrund; die halachische Autorität, welche im Orient die Gaonim (welche 1037 mit den babylonischen Schulen gänzlich untergingen) errungen hatten, ging seit der zweiten Hälfte des 10. Jahrh. verloren, seitdem von Bari in Italien einige angesehene jüdische Gelehrte in Kahira, Kairovan u. Cordova sich niedergelassen hatten, welche sich von jener Autorität emancipirten. Doch dauerte die Blüthe der J-n L. in Spanien (mit Mauritanien) nur kurze Zeit, bis sie der Zelotismus der Almohaden (um 1150) zu zertreten drohte, aber nur deren Verpflanzung (mit der Bewegung der Kreuzzüge) nach Osten od. nach der Provence bewirkte. Eine neue Übergangsstufe in dieser Periode bildet das 12. Jahrh. Während desselben begann in Nordfrankreich u. einem Theile Deutschlands eine bedeutende Entwickelung talmudischer Gelehrsamkeit, während die gelehrten Juden in der Provence bemüht waren, durch Übersetzungen aus dem Arabischen die arabische Wissenschaft auch den Juden Frankreichs u. Italiens zugänglich zu machen. [164] Doch die consequente Gestaltung, welche die letztere durch Maimonides erhielt, rief im 13. Jahrh. eine scharfe Polemik über das Philosophiren hervor. Je mehr die Araber in Spanien an Boden verloren, desto erwünschter wurde der Ersatz, welchen die Juden zu bieten schienen. Im 13. Jahrh. werden daher christliche Fürsten, wie Kaiser Friedrich II. (1232), Alfons der Weise (1256–77), Robert von Anjou (1319), Beschützer u. Gönner jüdischer Gelehrter, wenn auch wiederum der christliche Zelotismus viele judenfeindliche Schriften, sowie Judenverfolgungen u. Verbrennungen jüdischer Bücher hervorrief. Gleicherzeit entwickelte sich an den Berührungspunkten arabisch-spanischer u. jüdischchristlicher Geistesrichtungen in der Provence u. Süditalien aus der alten Geheimlehre, der rationellen Richtung gegenüber, die neue Kabbala mit ihrer pseudepigraphischen Literatur, welche im 14. u. 15. Jahrh. nicht nur den Norden Europas, sondern auch des ganzen Südens, für sich gewann. Mit Ausnahme der Theologie, betheiligte sich auch allmälig die J. L. immer mehr an den erstehenden Romanischen Literaturen. Seit dem 13. Jahrh. schließt sich auch Italien mehr der spanischen Richtung an u. nimmt zuletzt die besten Kräfte der Vertriebenen auf. Während in der ersten Periode die gesammte Literatur sich dem Midrasch unterordnet u. von einer unabhängigen Wissenschaft im engern Sinne keine Rede sein konnte, folgten bereits im Anfange dieser Periode die Juden den Fußtapfen der Araber, welche sich die wissenschaftlichen Leistungen der Perser u. Inder, namentlich aber durch Vermittelung der Syrer die der Griechen aneigneten. Zu den ersten Juden, welche sich um arabische Wissenschaft verdient machten, gehören Masnerdscheweih (683), Maschallah (754–813), Sahl-et-Thaberi (800–830) u. And. Auch die Karäer (s.d.), eine um 750 entstandene Secte, förderten die Wissenschaft unter den Juden. Außer den speciell jüdischen Literaturkreisen gewannen namentlich Mathematik u. Astronomie, Medicin u. Naturkunde an Inhalt u. wissenschaftlicher Form.

Was zunächst die Halachische Literatur dieser Periode betrifft, so bezog sich die Thätigkeit der späteren Gaonim des Orients (800–1037) auf den Babylonischen Talmud (s.d.), welchen sie sprachlich u. sachlich zu erläutern suchten, od. sie ertheilten Gutachten, oft bis nach Spanien u. Frankreich hin, od. verfaßten Monographien über verschiedene Gegenstände der Praxis, zum Theil in Arabischer Sprache. Solche Schriften verfaßten Zemach (872–90), Saadja, Scherira u. Hai (st. 1037), letztere drei wohl die berühmtesten der Gaonim, u. Samuel Ben Chofni. Später schrieben Chefez (1000–1050), Nissim Ben Jakob, Chananel (st. 1050), Jakob Alfasi aus Fez (1013–1103), welcher in seinen Halachot einen Gesetzcodex aus dem Talmud gab, der zu hohem Ansehen gelangte u. selbst bis nach Frankreich drang. Indessen war in Spanien durch die Schule des aus Bari nach Cordova verpflanzten R. Moses u. dessen Schüler Josef Ibn Abitur u. R. Chanoch, sowie R. Samuel Hannagid ein selbständiges halachisches Studium begründet worden; in Deutschland eröffnet R. Moses aus Lucca seit dem 11. Jahrh. eine ununterbrochene Reihe ausgezeichneter Gesetzlehrer, zu denen in Frankreich R. Gerson, dessen Bruder R. Machir (1030), der R. Mose Haddarschan in Narbonne, der R. Simeon Haddarschan, Nathan Ben Jechiel in Rom (starb 1106), der Verfasser des Wörterbuchs Aruch;; Salomo Isaki (Raschi, fälschlich Jarchi), dessen musterhafte Commentare über den Talmud alle ihre Vorgänger überflügelten. Epochemachend tritt Maimonides (s.d.) hervor, welcher um 1180 in Ägypten in seiner Mischne Torah ein das ganze Gebiet der Halacha umfassendes Compendium gab, das sich bald über Orient u. Occident verbreitete, zu großem Ansehen gelangte u. vielfach angegriffen, vertheidigt u. von bedeutenden Gelehrten commentirt wurde. Als Einleitung dazu schrieb Maimonides das Sefer hammizvot, welches nicht geringere Verbreitung u. Geltung erlangte. In Frankreich u. Deutschland waren zur Erläuterung des Talmud im 12. u. 13. Jahrh. Glossen, die Tosa pot, entstanden, deren großer Theil den gedruckten Talmudausgaben beigegeben ist. Mit dem 14. Jahrh. sank das Studium der Halacha vorzüglich in Frankreich u. Deutschland; erst gegen Ende des Mittelalters entwickelte sich von Ungarn u. Österreich aus auf diesem Gebiete ein neues Leben, welches aber durchaus keinen Fortschritt bekundete. Unter den systematischen Arbeiten, bei denen in Form u. Anlage der Spanischen Schule der Vorrang gebührt, sind noch zu nennen das Sefer hammizvot des Moses Ben Isaak aus Coucy (um 1236), aus welchem die Amuda hagola des Isak Ben Josef aus Corbeil (1277) ein Auszug sind; ferner die Bearbeitung der erwähnten Halachot des Alfasi durch Mordechai in Nürnberg (1300). Zu den erläuternden Schriften gehören die Wörterbücher des Machir in Frankreich (1030), Nathan Ben Jechiel in Rom (st. 1106), Tanchum aus Jerusalem (um 1250) etc. Methodologische Werke lieferten Maimonides, Josef Ibn Aknin, Simson Ben Isak aus Chinon (um 1300), Isak Kanpanton in Castilien (st. 1483), Jeshua Ben Josef Halevi (st. 1467 zu Toledo), der Verfasser der Halichot Olam. Hierzu kommen noch zahlreiche Gutachten, namentlich Rechtsgutachten, gesammelte Schriften u. Miscellen (meist mit symbolischen Titeln) etc. Mehr in das historische Gebiet streifen diejenigen Werke, welche über die Lebensverhältnisse der zahlreichen, in der Mischna u. dem Talmud angeführten Autoritäten Auskunft geben, wie das Sefer tannaim veamoraim (885–87), die Schriften des Nathan Ben Isak Hababli (956), das berühmte Bescheidschreiben des Gaon Scherira (986) über die Abfassung der Mischna, des Traditionsbuches des Abraham Ben David Halevi in Spanien (1061). Ein biographisches Wörterbuch über die Talmudlehrer verfaßte ein Bruder des R. Meir aus Speier (1210). Sonst gehören noch hierher, außer der Einleitung des Maimonides zum Mischnacommentar, Schriften des Menachem Ben Serach, Isak de Latas (1372) u. And. Historische Schriften sind: das Seder olam sutta, welches die Nachkommenschaft der babylonischen Patriarchenfamilie vom Davidischen Hause beweisen will; die hebräische Bearbeitung des lateinischen Hegesippus durch den sogenannten Pseudojosephus od. Josephus Gorionides (10. Jahrh.); das Sefer hajjaschar, wahrscheinlich in Spanien im 12. Jahrh. als Lehrbuch verfaßt, in welchem sich schon deutlich der Gegensatz späterer absichtlicher Pseudepigraphie zum älteren geschichtlichen Midrasch kundgibt. Hieran reihen sich schlichte chronikenartige Aufzeichnungen über erlebte Ereignisse, sogenannte Memorbücher, Märtyrerverzeichnisse u. dgl., wie von [165] Elieser Ben Nathan in Mainz (1130_–50), Ephraim Ben Jakob aus Bonn, Palquara (um 1250), Jakob Lewi (st. 1427) etc. Von Bedeutung sind die Berichte jüdischer Reisenden, welche namentlich für die Geographie u. Geschichte Palästinas werthvolle Beiträge liefern. Dahin gehören Benjamin von Tudela (1160 etc.), bisher der bekannteste; ferner Petachja aus Regensburg (1170–80), Hillel (13. Jahrh.), Samuel Ben Simson aus Frankreich (1210), der Dichter Charisi (1216–18), Jakob aus Frankreich (1257), Jochanan Ben Ephraim aus Maghreb (um 1473), Meschullam Ben Menachem aus dem Toscanischen, Obadja di Bertinoro (st. 1500–1510) u. And. Ferner gehören hierher die Correspondenz des Chisdai Ben Isaak mit dem Chasarenkönig (959), die Kosmographie des Gerson Ben Salomo in Catalonien (1290), die in jeder Beziehung wichtige Schrift des Esthori Parchi (1322), die hebräische Übersetzung des Image du mo nde (1345) etc. Portugiesische Juden nehmen zu Ende des 15. Jahrh. in der Geschichte der Geographie keine unbedeutende Stelle ein.

Der Kampf zwischen der naiven Haggada, die in der Hauptsache schon in der vorigen Periode ihren Abschluß gefunden hatte, u. dem eigentlichen Denken hatte sich zwar schon in den letzten Auslautungen des Midrasch gezeigt, trat aber in dieser Periode durch den Einfluß der arabischen Wissenschaft immer schärfer hervor. In dem Streite über die Gültigkeit der Halacha war die Secte der Karäer (s.d.) entstanden (750). Schon Saadja Gaon (st. 942) eiferte für den Vernunftgebrauch. Zuerst zeigte sich der Einfluß der arabischen Wissenschaften in Spanien, wo im 12. Jahrh. mehrere jüdische Philosophen, wie Petrus Alfonsi, Johann Hispalensis od. Abendehut, David, Ibn Sahe u. And. dem Judenthum entfremdet worden zu sein scheinen. Dem gegenüber stand der naive Glaube der nord-französisch-deutschen Juden, welche an der Halacha festhielten u. mit den Arabern nicht bekannt waren. Zum vollen Ausbruche kam der eigentliche Kampf in der Provence durch Maimonides (st. 1204 in Ägypten), welcher in mehreren seiner Schriften, wie den Moreh hanebuchim, den schon früher von Saadja u. den Karäern aufgestellten Grundsatz consequent durchführte, das Bibelwort müsse nach den durch Vernunftschlüsse gesicherten Grundwahrheiten metaphorisch umgedeutet werden Die Provence war damals ein Verbindungspunkt arabischwissenschaftlicher Bildung u. französischer Talmudgelehrsamkeit. Hier übertrug Jehuda Ibn Tibbon, der Vater der Übersetze. (1160), welcher nebst Josef Ibn Kimchi die Ethik des Becchaji, später die Schriften des Jehuda Halevi, Gabirol, Ibn Gannah u. Saadja, sowie sein Sohn Samuel Ibn Tibbon u. der Dichter Jeh. al Charisi (1232) die Moreh u. andere Schriften des Maimonides aus dem Arabischen in das Hebräische. Hierzu kam Jakob Antoli (um 1232), welcher die Commentare des Ibn Roschd über die philosophischen Schriften des Aristoteles übertrug u. selbst den Malmad, einen Cyclus philosophischer Vorträge über den Pentateuch, veröffentlichte, der in der Provence ebenfalls sehr beliebt war u. daher auch gleich den Schriften des Maimonides zum Gegenstande des Angriffs wurde. Als der Talmudgelehrte Salomo Ben Abraham in Montpellier (1230–32) einen Bann über die Moreh des Maimonides gesprochen hatte, suchten Meir Halevi Abulafia zu Toledo (st. 1244), Nachmanides zu Gerona, der Arzt Jehuda Alsachchar in Grenada eine vermittelnde Stellung für Maimonides u. gegen den Mißbrauch der Philosophie einzunehmen, während Andere, wie Abraham Saforta, Abraham Ibn Chisdai in Barcelona, David Kimchi, entschiedener zu Gunsten der Philosophie auftraten. Auch im Orient fanden die Lehren des Maimonides Gegner an Samuel Halevi (1190), David Ben Hodaja, David dem Babylonier, aber mehr od. minder thätige Vertheidiger an Josef Ibn Aknin, Abraham zu Kahira (1234), Isai Ben Chiskia (1286) u. And. In der Provence u. Italien trat der Kampf der Orthodoxie gegen die Philosophische Schule des Maimonides, namentlich die philosophische Schriftauslegung, welche unterdessen viel Boden gefunden hatte, um 1300 in ein neues Stadium. Als Parteiführer gegen die Philosophie trat namentlich Abba Mari Ben Mose, genannt Astruk de Lunel, aus Montpellier auf; ihm gegenüber standen vorzüglich Jakob Ben Machir, Jedaja Penini u. Schemtob Palquera. Salomo Ibn Aderet zu Barcelona sprach endlich 1305 einen Bann gegen das zu frühe Studium der Philosophie aus, welchem sich Ascher Ben Jechiel zu Toledo anschloß. Infolge der Vertreibung der Juden aus Frankreich (1306) u. der Verfolgungen in Nordspanien (1320), schwand Nordfrankreichs Bedeutung in der J-n L. für immer, die der Provence ging allmälig an Italien über. Die Zeitströmungen gaben zwar den jüdischen Denkern verschiedene Richtungen, doch ließ sich der Gegensatz zwischen der spanisch-portugiesischen (Sefaridi), arabischwissenschaftlichen u. deutsch-französischen (Aschkenasi) halachischen nicht ganz verlöschen; noch in den Ausläufern dieser Periode, wie z.B. bei dem Kabbalisten Schemtob Ben Schemtob (st. 1430) u. seinem Bekämpfer Mose Alaschkar (1495), ja selbst bis auf die Gegenwart herunter, knüpft der Streck um die Philosophie an Maimonides u. seine Gegner an.

Die erste systematische Religions philosophie der Juden des Orients scheint sich an die arabischen Mutakallimun od. Scholastiker, namentlich die Mutazeliten, angeschlossen zu haben. Später erhielt in Spanien die Schule des Farabi durch Maimonides das Übergewicht. Diesem gegenüber stand eine Art orthodoxer Gefühlstheologie, wie die des Jehuda Halevi (1140) u. später die Kabbala, welche beide im Kampfe gegen die sogenannten Philosophen an den Araber Ghasali anknüpften. Die theologischphilosophische Literatur dieser, Periode besteht zunächst in Bearbeitungen arabischer Schriftsteller, deren vorzüglichste Farabi (870–950), Ibn Sina (980–1037), Ghasali (st. 1111 od. 1126), Ibn Szalgh (st. 1138), Ibn Tofeil (um 1150), Ibn Roschd (st. 1198) sind, aus welchen die Juden ihre Kenntniß der griechischen Philosophie schöpften. Später bearbeitete man auch Schriften christlicher Scholastiker. Die namhaftesten Übersetzer arabischer Schriften von Muhammedanern u. Juden sind: die Familie Tibbon, Jakob Antoli (1232), Salomo Ben Mose Melgueiri, Schemtob Palquera (1264–80), Levi Ben Gerson od. Gersonides in Perpignan (1288), Serachja in Rom (1284–94), Isak Alballeg (1307), Kolonymus Ben Kalonymus aus Arles (geb. 1287), Josef Ibn Caspe aus Spanien (1280–1320), Prophiat (Profatius) Samuel Ben Jehuda aus Marseille (1321–26), Mose Narboni (1344–62), Jehuda Ben Salomo Natan[166] aus der Provence (1354), Salomo Ibn Labi u.a. Saad Ben Daud schrieb einen arabischen Commentar über Ghasali. Mehr nach lateinischen Quellen arbeiteten Jehuda Ben Mose Ben Daniel Romano (geb. 1292), Abigdor (1367) in Montpellier, Don Meir Alguades (1405), welcher die aristotelische Ethik des Boethius aus dem Lateinischen übersetzte, die dann von Josef Ben Schemtob in Lyon (1450) commentirt wurde; ferner Habillo aus Monçon (1470), Jaisch (1485), Bibago in Aragon (1409) u. dessen Gegner Isak Arama, Nachmias (1491), Elia Misrachi (1490), Mose Almosnino (geb. 1523) etc. Selbständige Schriften über die Hauptlehren des jüdischen Glaubens verfaßten die Spanier Ibn Gabirol, Mose Ibn Esra (1138), Josef Zadik Ibn Aknin (st. 1226), vor Allen aber Maimonides, dessen religionsphilosophische Werke, namentlich aber die Moreh, den Mittelpunkt religionsphilosophischer Thätigkeit bis auf die Gegenwart bilden u. von vielen der berühmtesten Gelehrten commentirt worden sind. Andere Religionsphilosophen sind Abulafia (st. 1255), Sebara (1264), Lewi Ben Abraham, Billa (1320), al Constantini (um 1350), Jehuda Ben Josef Corsani (st. 1370), Gersonides (st. 1370), Crescas (1377), welcher mit seinem Schüler Josef Albo (1425) die Glaubensartikel des Maimonides angriff; Machir (1400), Duran (st. 1444), Josef ben Schemtob (geb. 1420), Bibago (1489), Schalom (st. 1492), Josef Ibn Japja (st. 1539), Josef Kilti der Grieche (1450 bis 1500) etc. Die Ethik konnte zu keiner selbständigen Geltung gelangen. Wenn auch Bechaji aus Saragossa (1050–1100) in seinen »Herzenspflichten« dieselbe zu einem Systeme erheben wollte, so erscheint sie doch entweder als Behandlung der aristotelischen od. als Auslegung der Haggada, namentlich des Tractats Abot, od. in eigenen kleinen Schriften in Form von Episteln, wie vorzüglich bei den Sesaddim, od. auch von sogenannten Testamenten, wie namentlich in Deutschland. Daher sind nur Wenige als Ethiker zu nennen, wie in Deutschland namentlich Jehuda Ben Samuel aus Regensburg (um 1200), dessen Schule das berühmte Sefer chasidim (Buch der Frommen) angehört. Bedeutend für die Philosophie der Zeit sind auch die Bibelcommentare des Ibn Esra (st. 1168), Gersonides, Tanchum (arabisch, um 1250), Ibn Caspe, Immanuel aus Rom (um 1300), Schemarja Negroponte (vor 1346), Schemarja Ikriti (um 1430), Aboab (st. 1492), Abravanel (st. 1506), Isak Schafrat (1385), viele Supercommentare zu Ibn Esra etc., ferner die Vorträge über die biblischen Perikopen, namentlich den Pentateuch etc. Die philosophische Terminologie wurde ebenfalls mehrfach, wie von Menachem Bonsos Perpignano, bearbeitet. In dieser Periode gelangt auch die Literatur der Kabbala (s.d.) zur Blüthe; ebenso die der Secte der Karäer, deren Ursprung von Anan Ben David (um 760) datirt.

Sehr reich ist die polemische Literatur der Juden, welche theils gegen das Christenthum, theils gegen den Muhammedanismus gerichtet ist. Im Orient ist bis jetzt kein Werk namentlich bekannt, welches gegen das Christenthum gerichtet wäre. In Europa ist die erste bekannte polemische Schrift das Buch Kusari des Jehuda Halevi (1140), welches aber mehr gegen Islam, Aristoteliker u. Karäer gerichtet ist. Die eigentlichen Widerlegungsschriften auf die Angriffe der Juden durch die Christen, beginnen erst mit Ende des 12. u. Anfang des 13. Jahrh., seit welcher Zeit von Regenten u. Päpsten auch wirkliche Disputationen angeordnet wurden. Selbständige Arbeiten lieferten aus der Spanischen Schule Josef Kimchi, Jakob Ben Reuben (1170), Jechiel, Nachmanides, Narboni, Isak Nathan u. viele Andere. Vielleicht die bedeutendste jüdische Kritik des Christenthums u. Islam gab Simon Duran (1423), welche auch zum Theil in die Schriften des Farissol (1472) übertragen ist. Die Deutsch-französische Schule lieferte namentlich Sammlungen (Nizzachon) von hierhergehörigen Stellen aus den Exegeten od. in den Disputationen mündlich vorgebrachter Bibeldeutungen; am berühmtesten sind die Nizzachon von Lippmann aus Mühlhausen (1400). Eine bedeutendere Beachtung des Islam tritt erst bei Jehuda Halevi (1140) u. Maimonides ein; den Ersteren suchte der Renegat Samuel Ben Jehuda Ibn Abbas (1163) zu widerlegen.

Als das Alte Testament einmal abgeschlossen u. das Hebräische als allgemeine Sprache des Volkes erloschen war, mußte die hermeneutische u. exegetische Thätigkeit ihr Augenmerk auf das Sprachliche richten. Es wurden daher erst Übersetzungen ins Aramäische u. Griechische, später ins Arabische u. während des Mittelalters in verschiedene europäische Sprachen nöthig. Den Anfängen der eigentlichen Grammatik ging die Masora (s.d.) voraus. Während die Bearbeitung der hebräischen Grammatik aus der arabischen entsprungen u. derselben nachgeahmt ist, hat die Lexikographie in verschiedenen Arbeiten über den Talmud ihre Vorgänger. Die sprachlichen Arbeiten der babylonisch-afrikanisch-spanischen u. späteren italienischen Richtung waren bis ins 12. Jahrh. fast nur in arabischer Sprache abgefaßt. Die namhaftesten Sprachgelehrten finde Saadja, Adonim Ben Temim, Samuel Ben Hosni u. Hai Gaon (st. 1038), in Afrika Jehuda Ibn Koreisch, Dunasch Ibn Librat, Menachem Ben Seruk; der Vater der Grammatiker wurde Jehuda Ben David, genannt Chajjug aus Fes, der erste, welcher eine vollständige Grammatik nebst Lexikon darstellte, der Arzt Jona Abulwalid Merwan Ibn Gannah. Mit Salomo Ibn Gabirol beginnt die Hebräische Sprache für das Arabische einzutreten. In Europa sind nun zu nennen Moses Hakohen Ibn Ehlkitilla aus Cordova u. Ibn Esra in Rom (1140–67), Salomo Parchon aus Calatayud (1161), Jehuda Ibn Tibbon (1171), Ibn Bal'am aus Toledo, Abraham Ibn Esra (1093–1168), Josef Kimchi (1160–1170), Isak Ben Elasar Halevi u. Elkana in Spanien; Jakob Ben Elasar, Moses u. David Kimchi. Durch die grammatischen Arbeiten des Letzteren wurden alle früheren in Vergessenheit gebracht u. auch seine Kritiker, unter denen namentlich Prophiat Duran (1403) Verdienstliches leistete, zurückgedrängt. Von Spanien aus kam die hebräische Sprachforschung nach Frankreich, Deutschland, sowie auch nach Italien, aber nur in den dort verständlichen hebräischen Schriften von Seruk u. Dunasch bis Parchon. Doch wurde in diesen Ländern die Grammatik nur von den Exegeten benutzt; selbständige Schriften bewegen sich meist nur auf dem Gebiet der Masora u. Halacha. In Provence u. Italien übten die neuerwachenden klassischen Studien auf die Bearbeitung des Hebräischen ihren Einfluß. Unter Andern schrieben hier über Synonymik Bedarschi (1280) u. Salomo Urbino (1480); Isak Nathan (1437) verfaßte eine Concordanz; grammatische Gegenstände[167] behandelten Salomo Jarchi Sarek (1429), Temar (1449), Leon in Mantua (1454), Ben Chabib in Neapel (1486) etc. Die eigentliche Exegese, welche wiederum ihren Ursprung im Oriente hatte, gestaltete sich in Europa nach den bereits mehrfach erwähnten Ländern verschieden. Die bereits genannten Grammatiker u. Lexikographen der arabischen nach Spanien verpflanzten Schule, von Saadja bis Kimchi (900–1250), waren als solche nicht nur worterklärende Exegeten, sondern Viele derselben sind zugleich Verfasser von wirklichen Commentaren, wie namentlich Ebn Esra u. Kimchi. In Deutschland u. Frankreich knüpfte sich die biblische Wortexegese vorherrschend an die praktischen Bedürfnisse des mündlichen Unterrichtes u. Bibelvortrages. Einen bestimmten Charakter erhielt die Exegese in diesen Ländern durch die Commentare des berühmten Salomo Ben Isak, genannt Raschi aus Troyes (st. 1105), welche unzählige Supercommentare erhielten. Später verfaßte man bloße Compilationen, bis im 14. u. 15. Jahrh. die Bibelkunde der Halacha u. den kabbalistischen Spielereien ganz erliegen mußte.

Die Geschichte der neuhebräischen Poesie gehört zu den eigenthümlichsten. Während die poetische Literatur der vorigen Periode nur in Gebeten u. Erweiterungen derselben bestand, welche aus instinctmäßiger Verwendung u. Nachahmung von Bibelstellen hervorging, entwickelte sich seit dem 9. Jahrh. eine künstliche, mit Absicht eine Kunstform erstrebende Poesie. Die ältesten Versuche seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrh. gelten der liturgischen Poesie od. den Pijjutim. Als die neuere Poesie u. Stylistik die alten allgemein verbreiteten Gebete erweiterte, mußte auch die tägliche Liturgie, namentlich die der Festtage, in den verschiedenen Ländern modificirt werden. Schon R. Amram Gaon (870–88) sandte seinen Siddur od. Gebetordnung, von Spanien aus aufgefordert, dahin. Den Namen Siddur erhielt später die einfache Sammlung der täglichen u. der ältesten Festtagsgebete. Allmälig dehnte sich die liturgische Poesie auf jede ausgezeichnete Zeit u. Gelegenheit des kirchlichen u. Familienlebens aus, u. es entstanden verschiedene Gattungen liturgischer Poesien. Die Arabische Schule, welche von Babylonien ausging, entnimmt ihren Stoff der Halacha u. der Wissenschaft, erhebt sich aber dabei öfter zu wirklicher Poesie. Ihr gegenüber entwickelt sich auf eigenthümliche Weise die deutsch-französische Poesie; die Poesien dieser Richtung, durch welche übrigens der Ausdruck Pijjut u. Pajtan erst auf die liturgische Poesie beschränkt wurde, sind versificirte Halacha u. Haggada, dabei fast unübersetzbar u. der Erläuterung bedürftig. Als erster Dichter solcher Pajtanim ist zu nennen Eleasar Biribi Kalir (lebte im 10. Jahrh. in Italien), dessen Gebete wohl zuerst in Italien, dann in Frankreich, Deutschland, vielleicht auch in Griechenland Eingang u. Nachahmung fanden. Kalirs Schule im engeren Sinne bildete die Blüthe des pajtanischen Zeitalters (bis um 1100); dahin gehören die berühmtesten Verfasser von Festgebeten, als Jehuda Ben Jakob, der Bruder Kalirs, Meschullam Ben Kalonymus aus Lucca u. dessen Sohn Kalonymus in Mainz, ferner des Letztern Söhne Moses u. Chananel, der berühmte R. Gerson u. Simon Kara, Josef Tob Elem in Limoges, Elia Ben Manonch der Alte, Mair Ben Isaak, Josef Ben Salomo, Salomo Ben Jehuda, Elieser Ben Samuel (1096), Kalonymus Ben Moses u. sein Bruder Jekutiel, Benjamin Ben Samuel, Isak Halevi in Worms u. sein Schüler Raschi, Elia Ben Mardochai u.a. Im 12. Jahrh. verbesserten sich Form u. Sprache auf Kosten von Inhalt u. Kraft; nach der Mitte des Jahrhunderts beginnt jedoch der Verfall, welcher mit wenigen Ausnahmen im 13. u. 14. Jahrh. vollständig wird. Indessen hatte schon im 12. Jahrh. in der Provence eine Verschmelzung dieser deutsch-französischen mit der arabisch-sefaradischen Richtung begonnen, welche in vielen der bereits genannten Gelehrten jener Zeit ihre Vertreter fand. Die Anwendung der Gebete bei dem öffentlichen u. Privatgottesdienst zeigen die Liturgien od. Gebetordnungen (Siddur, Machsor), in denen die Gebete die Hauptsache, der Ritus als Randglosse, Erläuterung u. dergl. behandelt wird, od. eine Art von Agenden (Minhagim), in denen, von den rituellen Bestimmungen ausgehend, die Gebete gelegentlich nach ihrem Namen angeführt werden. Solcher Siddurim wurden seit der Zeit der Gaonim von verschiedenen angesehenen Gelehrten aufgestellt. So in Frankreich u. Deutschland von Josef Tob Elem (1050), Meir Ben Isak, Salomo dem Babylonier, Raschi, Simcha Vitry (1100), Tam, Elchanan, Samuel Ben Salomo, Meir Rothenburg (1270), Chajim Paltiel (um 1280), Abraham Klausner (1380–1400) für Österreich; in Spanien Ascher, Israel Israeli in Toledo (1330), vor allen aber die Liturgie des Abudirahim in Sevilla (1340). Am angesehensten ist das Werk des Jakob Levi in Mainz (st. 1427), welcher auch für den Begründer des deutschen Synagogengesanges gilt. Viele einzelne Stücke u. ganze Sammlungen liturgischer Poesie wurden mit Commentaren versehen, wie einzelne schwierige Pijjutim der Spanier, z.B. von Abitur, Ibn Gabirol, Ibn Gajjat (st. 1089); die größte Thätigkeit mußte hier jedoch die Deutsch-französische Schule entwickeln.

In der nichtliturgischen Poesie der Juden, welche überhaupt nur in der arabischen Schule u. deren Absenkern in der Provence u. Italien gedieh, herrscht nach Inhalt u. Tendenz, wie allerwärts, Ernst u. Sittlichkeit; Scherz u. Witz, Ironie u. Satyre scheinen sich auf die Sprache selbst geworfen zu haben. Viele Juden dichteten in Arabischer Sprache; zu den geschätztesten arabischen Dichtern Spaniens gehören Ibn al Fakkhar (um 1200), Ibrahim Jon Sahl (1211–50), Ibn el Mudawwer u. die Dichterin Kasmune. Der Orient hat keine namhaften jüdischen Dichter während des Mittelalters aufzuweisen. Um die Mitte des 10. Jahrh. beginnt auch die Reihe der hebräischen Dichter in Spanien u. dem Maghreb; doch gelangte die hebräische Poesie erst unter dem Fürsten Samuel (st. 1055) zur Blüthe. Aber schon im 12. Jahrh. hatte sie sich in ihren originellsten u. tüchtigsten Vertretern so erschöpft, daß in Provence u. Italien mehr Kunststücke als Kunstwerke an den Tag traten, poetische stereotype Phrasen allgemein herrschend wurden u. kaum irgend ein Schriftsteller sich nicht im vermeintlichen Dichten versuchte. Die Einkleidung in die poetische Form wurde bei den verschiedensten Gegenständen versucht. Das Epigramm bildet den Übergang von diesen wissenschaftlichen Reimereien zu den Gelegenheitsgedichten, unter denen die Grabschriften Beachtung verdienen. Die Gnomik erhielt durch den Einfluß der Arabischen Literatur die weiteste Ausdehnung u. wurde zur eigentlichen [168] Kunst ausgebildet. Die arabische Gnomensammlung des Gabirol (1040) wurde von Jehuda Ibn Tibbon (1167) übersetzt u. von Josef Kimchi metrisch bearbeitet. Hebräisch schrieben Samuel der Fürst (st. 1055), Ibn Esra (um 1138), Josef Esobi (um 1270) in der Provence, Levi Ben Abraham Ben Chajim, Jochanan Laria (1500) u.a. m. Hieran reihen sich in rhetorischer od. Reimprosa verfaßte Sittenlehren, darunter die berühmte Bechinat Olam von Jedaja Penini (um 1300) u. das zum Theil satyrische Eben bochan von Kalonymus (1323). Theilweise hierher gehört die Disciplina clericalis des Neophyten Petrus Alfonsi (um 1106). Zur Verbreitung der durch die Araber aus Indien u. Persien nach Europa verpflanzten Mährchen- u. Fabelbücher, haben die Juden des Mittelalters nicht wenig beigetragen. Als Fabel dichter machten sich sonst Berachja Hanakdan in Burgund (um 1160) u. der allegorisirende Isak Ben Salomo Sahula (1241) bekannt. Erwähnung verdient auch die Parodie, Travestie u. Humoreske; man wandte nicht blos aus dem Zusammenhang gerissene Bibelstellen selbst auf frivole u. obscöne Gegenstände an, sondern parodirte u. travestirte selbst Halacha, Pijjutim u. dgl. Solche Stücke u. ganze Schriften sind von Kalonymus u. dessen Freunde Immanuel in Rom übrig (um 1320). Die arabische Form der Makamen (Mechaberoth) gebrauchte bereits Josef Ibn Aknin in Ceuta (vor 1185); das beste in dieser Gattung leistete aber Charisi (s.d.), welcher den erwähnten Immanuel zum Nachfolger hatte. Ein großes Paradies in Nachahmung Dantes schrieb Mose Rieti (geb. 1416). Endlich sind noch zu erwähnen die Diwane od. sonstige größere Poesien von Mose Ibn Esra (st. nach 1138), Jehuda Halevi (st. vor 1160), welche beide mit Gabirol das berühmte Dreigestirn am Himmel der spanisch-jüdischen Dichtung bilden; Jakob Ben Elasar, Abraham Bedarschi u. Salomo Bonfed in der Provence (1400), Jehuda Halevi Ben Isaak Ben Sabbutai, Nehemja Ben Menachem Kalomiti (1418) u. Dawid Ben Leon verfaßten größere Dichtungen.

Auch die Mathematik hat ihre Vertreter unter den Juden nur in der Arabisch-spanischen Schule u. deren Verzweigungen gefunden. Die jüdischen Astronomen des Orients wie Spaniens bedienten sich der Arabischen Sprache, wie sie sich auch in der Wissenschaft vollständig on dieselbe anlehnten. Erst im 13. Jahrh. begann die Epoche der hebräischen Übersetzungen u. Bearbeitungen arabischer (von Arabern u. Juden verfaßter), lateinischer u. spanischer Werke. Als Bearbeiter u. Übersetzer machten sich unter den Juden verdient Jakob Antoli, Jehuda Ben Mose Cohen (1256), Ibn Sid (1266), Abulasia (1278–1304), welche sämmtlich im Auftrage Alfons X. arbeiteten; ferner Jehuda Ben Salomo Cohen aus Toledo (1247), Nathan Hamati in Rom (1273–83), Kalonymus Ben Kalonymus in Avignon (1314), Salomo Cohen aus Burgos, Abulcheir Ben Samuel, Abigdor, Kabrut in Barcelona (1382) u.a. Als Verfasser selbständiger astronomischer Schriften sind hervorzuheben: Latif, Melgueil (1250), Israeli (1310), der Verfasser des bekanntesten u. bedeutendsten astronomischen Werks des.Jesod Olam, Prophiat in Montpellier (1301–1336), Schescht in Barcelona (1320), Emmanuel Ben Jakob zu Tarrascon (1330–46), der Verfasser der Sechs Flügel; Alchadib in Castilien (1370–80), Prophiat Duran in der Provence (1392) u.a. In Deutschland sind blos Meir Spira u. sein Sohn Isak zu nennen. Der Astrologie, welche die Araber als Wissenschaft ausgebildet hatten, gestatteten, trotz der Warnungen des Maimonides, viele bedeutende Gelebrie, wie Ibn Esra, Abraham Ben Chijja, praktischen Einfluß; die Zahl der eigentlich astrologischen Schriften ist jedoch nicht bedeutend. Als Mathemiker sind Ibn Aknin, Alchadib, Ibn Esra, Abraham Ben Chijja, Gersonides etc. zu nennen. Die medicinisch-naturhistorische Literatur der Juden ist reich, aber fast noch gar nicht untersucht. Juden zeichneten sich nicht blos als praktische Ärzte u. Leibärzte, sondern auch als Theilnehmer an öffentlichen Anstalten u. Schulen der Christen u. Araber aus, z.B. in Bagdad, Kahira, Salerno, Montpellier. Die selbständigen medicinischen Schriftsteller schrieben, in der ersten Zeit meist arabisch, namentlich die Ärzte in Afrika u. Spanien, wie in Kalwowän Isak Israeli (840 bis 950), Hibet Allah Ibn Dschemi, Leibarzt Saladins, Mubarek, Abul Menni el Atthar (1260), ferner Maimonides (zu Kahira 1165–1204); in Asien sind Ibn Abbas (1163) u. Aknin (st. 1226) zu nennen. In Spanien schrieben Chasdai (959), Jona (um 1050), Josef (1126), Jussuf Ibn Chisdai (1128), Abenhucar, Leibarzt des Alfons (1295 bis 1311), Jehuda Ben Abraham aus Toledo, Josua Lorki (um 1410), Ibn Khani. Doch waren daneben schon frühzeitig einzelne hebräische Originalwerke vorhanden, wie von Sabbatai Ben Abraham Donola (um 980). Mit der Mitte des 13. Jahrh. beginnt auch auf diesem Gebiete die Thätigkeit der Übersetzer, Commentatoren, Bearbeiter arabischer, spanischer, lateinischer u. italienischer medicinischer Werke. Die das ganze Zeitalter beherrschenden Griechen, Hippokrates, Galen, Dioskorides etc., unterwarfen sich auch die jüdisch-medicinische Literatur. Unter den Arabern, deren Schriften bearbeitet wurden, sind Ali Ben el Abbas (st. 994), Ibn Lina od. Avicenna (980–1037) u. Abulkasem (st. 1106) die namhaftesten. Unter den jüdischen Bearbeitern derselben sind hervorzuheben: Ibn Ajub (1259 bis 1265), Mose Ibn Tibbon (1259), Schemtob Ben Isak aus Tortosa (1264), Farragat in Frankreich (1266–85), Nathan Gad Ben Elieser (1279–83), Serachja Ben Isak aus Barcelona (1284), Kalonymus aus Arles (1307) u. viele Andere. Originalwerke lieferten Kaslar aus Catalonien (1329), Palquera, Alguadez, Leibarzt Heinrichs III. von Castilien (1405), Jehuda Ben Jakob, David Ben Melser Leon (1490) etc. Eng verknüpft mit der Medicin ist die Naturkunde, für welche jedoch die J. L. wenig Selbständiges aufzuweisen hat. Einzeln steht die Kosmographie des Gerson Ben Salomo (um 1290). Die Magie mit ihren verschiedenen Unterarten hat natürlich auch in der mittelalterlichen Literatur der Juden ihre Vertreter gefunden.

III. Die dritte Periode in dem Entwickelungsgange der J-n L., welche vom Ende des 15. bis gegen den Ausgang des 18. Jahrh. reicht, ist charakterisirt durch die Zerstreuung der, aus dem westlichen u. südlichen Europa vertriebenen Juden u. die durch die Buchdruckerkunst begünstigte Verbreitung der Geistesproducte, wodurch Schauplatz u. Charakter der J-n L. geändert ward. Während die hohe Cultur der spanischen Juden auf den Orient u. das Wiederaufleben der klassischen Studien zunächst auf die Juden Italiens einwirkte, äußerte sich der durch die Bedrängnisse genährte Mysticismus[169] auf die Gemüther in Deutschland u. in Polen, wo sich die jüdische Gelehrsamkeit einem kleinlichen Talmudstudium ergab, welches die geistigen Kräfte nutzlos erschöpfte. Es traten eine große Masse von Schriften über biblische Exegese, Kabbala u. talmudische Dialektik, namentlich im 17. Jahrh., aus Licht, welche jedoch nur sehr selten über das Mittelmäßige hinausgehen, während die Gebiete der Poesie, Grammatik u. der Wissenschaften fast ganz darniederlagen. Die homiletische Schriftauslegung, so wie die Gebiete der Rechtsgutachten u. die Literatur zur populären Belehrung fanden dagegen reichlicheren Anbau. In Italien u. dem Orient (1452), in Deutschland u. Polen (1550), so wie endlich in Holland (1629) wirkten jüdische Schulen, Druckereien (z.B. zu Smyrna, Venedig, Livorno, Amsterdam, Prag u. Krakau), so wie zahlreiche Schriftsteller, welche nicht nur in hebräischer, sondern auch in spanischer, portugiesischer, lateinischer, italienischer u. jüdisch-deutscher Sprache schrieben, u. unter denen sich eine Anzahl großer Talente u. ausgezeichneter Lehrer hervorthaten. So sind als Apologeten des Judenthums, welche sich gegen ihre Gegner jedoch der Europäischen Sprachen bedienten, zu nennen David de Pomis, Emmanuel Aboab, Simon Luzzato (1638), Manasse Ben Israel (1635–56), Cardoso (1679), Daniel de Barios (1683), David d'Ascoli (1559), Thomas de Pinedo (1678) u.a. Verfasser bedeutenderer od. interessanterer polemischer Schriften sind Isak Ben Abraham Troki (st. 1594), welcher das berühmte Chizzuk Emuna verfaßte, Salman Zebi Offenhausen (1615), Jak. Lombroso (1640), Saul Levi Mortera (st. 1660), Abendana (1669), Isak Aboab (st. 1687), der gelehrte Jehuda Briel, Dawid Nieto in London (1705) etc. Mendelssohns Erwiderung an Lavater gehört zu den Übergängen in die Gegenwart, deren eigentliche Polemik sich auf das Gebiet der Emancipation zusammengezogen hat.

Die bedeutendsten Vertreter der Halacha waren im 16. u. 17. Jahrh. die Rabbiner u. Schulhäupter der spanisch-portugiesischen Gemeinden in der Türkei u. den venetianischen Inseln. Vom 16. Jahrh. gewinnen die Schulen in den slawischen Ländern (Böhmen, Polen) größeres Ansehen, überschwemmen Deutschland u. verbreiten ihre Richtung bis nach Italien, wo seit der Verbrennung des Talmud (1583) das Studium überhaupt abnahm. Man bewegte sich meist mechanisch auf den längst geebneten Pfaden. Die Lehrer der Halacha waren entweder Commentatoren etc. (sogen. Waffenträger, Nose Chelim) der Alten (Rischonim) od. selbständige Decidenten, Advocaten u. Richter in der Casuistik des göttlichen u. menschlichen Rechtes. Erstere bewegten sich auf zwei Hauptfeldern, der Discussion des Talmud u. der Interpretation der Gesetzcodices der Poskim; letztere besprachen wirkliche od. fingirte Fälle in Gutachten. Aus diesen Bestrebungen gingen die (in Polen u. Ungarn noch üblichen) Chillukim, eine Art Schuldisputation über ein bestimmtes Thema, hervor, als deren Begründer Jakob Pollak in Polen u. Prag angesehen wird. Verschiedenartige Einflüsse der Schule u. des Lebens haben die Halachische Literatur bis ins Unglaubliche anwachsen lassen. Man verfaßte viele Monographien über einzelne Gegenstände, welche öfter nicht ohne Werth sind; namentlich beschäftigte man sich aber mit der Herausgabe u. allseitigen Erläuterung älterer Schriften, deren Benutzung man u.a. durch allerlei Indices u. Claves (Mifteach) zu erleichtern suchte, Unter den zahllosen Commentaren, Glossen u. Übersetzungen sind hervorzuheben die über die Mischna von Bertinoro, Lippmann Heller, Jakob Chagis u. Jakob Abendana (st. 1696 in London), über die Sifra: Aron Ibn Chajim aus Fes (1609); über die Mechilta: Mose Frankfurt (1712). Die Babylonische Gemara behandelten: Meir Lublin, Sal. Luria, Sam. Edeles, Meir Schiff (1734), Jak. Josua; kritische Anmerkungen lieferten der gelehrte Elia Wilna (st. 1797). Über die Hachalot des Alfasi schrieben Ibn Baruch in Italien (1554) u.a.; das Jad des Maimonides u. die Turim des Jakob Ben Asher fanden sehr zahlreiche Commentatoren. Epochemachend in der Geschichte der Halacha wurde der Schulchan Aruch des Josef Karo in Safet (1567), zu welchen Moses Isserls (1540–70) für den Ritus in Polen u. Jakob Ben Abraham Castro für den in Ägypten Ergänzungen lieferten. Bis auf die neuere Zeit herab fand dieses Werk zahlreiche Commentatoren. Andere bedeutendere, mehr selbständige halachische Zusammenstellungen legten Jakob Landau in Italien (1487), Mordechai Jase in Prag (1594–99), Chajim Benveniste im Orient (1658), Elia Spiro in Polen (st. 1712) an. Die Verfasser von auch vielfach gedruckten Gutachten sind unübersehbar, da jeder Rabbiner od. Lehrer von größerem Wirkungskreise deren ausstellte od. sammelte. Unter den ebenfalls zahlreichen methodologischen Schriftstellern ist Malachi Cohen (1767) zu nennen.

Je starrer u. enger die Bande des Religionsgesetzes geworden waren, desto lebhafter wurde das Bedürfniß des Ungelehrten nach Erbauung, so daß die öffentliche freie Rede, welche an einem unendlich weiten Gebiete, Bibel, Talmud, Midrasch, anknüpfen konnte, vielfach Ausbildung fand. Den Mittelpunkt der Homiletik bildete die Behandlung der Haggada, über welche bes. Jakob Ibn Chabib (nach 1511), Samuel Jase (1590), Josua Benveniste schrieben. Die Literatur der Indices, Realwörterbücher u. Concordanzen zum Talmud erhielten bedeutenden Zuwachs, darunter die Arbeiten von Simon Ben Jehuda Peiser aus Lissa (1728), dem ungemein fleißigen Isak Lampronti (st. 1756), Reuben Hoschkes (1681), welcher den Jalkut Reubeni verfaßte; ferner von Ahron Ben Ascher in Haleb, Samuel Jase, Abraham Gadilia (1630–40); Elias Levita, Lonsano, de Pomis, Musaphia, de Laria u. Elia Wilna lieferten talmudisch-aramäische Wörterbücher. Die Ethik besteht in Erläuterung älterer Schriften, wie z.B. der Abot von Samuel Uceda. Zu den ältesten u. verbreitsten der vielverzweigten Gattung der Sittenschriften gehören die Menorat hamaor von Isaak Aboab (gedruckt 1544), das in alle Sprachen übersetzte Sur mera von Jehuda de Modena (1596) gegen das Spiel, u. viele andere. Die Religionsphilosophie lehnt sich außerhalb der Kabbala (s.d.) hauptsächlich an die Erläuterung der älteren anerkannten u. bedeutenden Schriften, wie an das Buch Kusari, u. die Moreh des Maimonides. Vieles dieser Art lieferten auch die jüdischen Polyhistoren dieser Zeit, wie Obadja Seforno, Asarja de Rossi, Leo di Modena (1571–1648), Mordechai Jase in Deutschland (1600), der Arzt Josef del Medigo (st. 1656), Manoach Hendel in Polen (1612), Isak Jesurun in Hamburg (1663), Manasse Ben Israel (1632–51), Leo del Bene (1646), Simon Luzzato, David Nieto[170] (st. 1728) in London, Josef Perez (1729) in Italien etc. Die Exegese dieses Zeitraums, auch in Homiletik überstreifend, bietet alle Richtungen des verflossenen bis zur Entartung dar. In der Deutchen Schule, welcher noch immer Haggada u. Midrasch als exegetische Quellen galten, wurden die Commentare Raschi's, u. selbst Supercommentare desselben, wie der des Elia Misrachi (1527), immer weiter commentirt Hierzu kommen jedoch viele andere, welche einzelne biblische Schriften zum Gegenstande ihrer Erläuterungen nahmen. Mit Mendelssohn's Bibelausgabe gegen den Schluß dieses Zeitraums beginnt die Periode der sogen. Biuristen, der neuesten Exegeten unter Einwirkung der inzwischen vorgerückten christlichen Bibelforschung. Die hebräische Grammatik erlitt einen neuen Stillstand durch die Arbeit des Elia Levita (1472–1549), welcher nebst seinem Vorgänger Kimchi bis Mitte des 17. Jahrh. der Leitstern auch der christlichen Grammatiker blieb. Unter denen, welche die Bibel grammatisch u. kritisch behandelten, tritt Salomo Cohen (aus) Hanau (1708–62) am bedeutendsten hervor, der sich bes. um die Accentlehre verdient machte. Die Schule Mendelssohns führte die grammatischen u. kritischen Forschungen christlicher Gelehrten unter ihren Glaubensgenossen ein u. begründete damit das seitdem wieder aufblühende Sprachstudium überhaupt.

Die liturgische Poesie hatte bereits in der vorigen Periode ihren Gipfelpunkt erreicht; in der gegenwärtigen vermochte nur die Mystik, namentlich im Osten u. Süden, die Phantasie zu neuen Schöpfungen zu befruchten. David Ibn Simra (um 1511), M. Ch. Luzzato, Mose Hammon, Ahron der Blinde, Salomo Luria (1573), Mose Abbas (um 1580), Israel Nadochera (1587), das bedeutendste Talent seines Jahrhunderts; ferner Akiba Frankfurt (st. 1597), Loans (1599), Chelm (1605), Rieti (1615), Mose Jehuda Abbas, Pisa (1750) werden als Hymnologen u. Verfasser von Gebeten genannt. Größere ethische u. didaktische Poesien, sowie Diwane besitzt man von Sam. Archevolti (1551), Isak Onkeneira (1577), Meir Angel in Belgrad (um 1620), Abudiente (1633), Leo di Modena (st. 1648), Leo del Bene (st. 1677), Cantarini in Padua (1718), Jakob London in Lissa (1734), Jehuda Ben Mordechai Huswitz (1765), dessen Zeitgenosse Isak Belinfante zu Amsterdam bereits nach dem Muster Wessely's dichtete. Alle diese Poesien bewegen sich noch in den althergebrachten Formen u. zwar bis zur Entartung. Der sogen. Musivstyl mit seinem Wortspiele entartete namentlich in Italien bis zur abgeschmackten Ziererei u. Verschrobenheit. Erst mit dem Mystiker M. Ch. Luzzato in Italien u. dem erwähnten Hartwig Wessely, dem Freunde Mendelssohns, beginnt auch hierfür eine neue Periode. Die Theilnahme der Juden an der Poesie ihrer Landessprachen war oft von günstigstem Erfolg begleitet. Beachtenswerth ist die Pflege des Spanischen in Holland, des Deutschen in Polen u. anderen Ländern. Zu den geachteten italienischen Autoren gehört auch die Debora Ascarelli, welche die religiösen Poesien M. Rieti's übertrug (1609–22). Der erste hochdeutsche Dichter unter den Juden ist Ephraim Kuh, u. 1771 gab Issachar Falkensohn Gedichte eines polnischen Juden heraus.

Schon in der vorigen Periode beginnt die Literatur im jüdisch-deutschen Jargon (s. Judendeutsch), welche außer ihrer religiösen auch ihre Volkspoesie besitzt. Chroniken umfassende Geschichtswerke od. Gelehrtengeschichten verfaßten unter Anderen Saadja Ibn Danan in Spanien (1485), Zakuto in Italien; Verga schrieb eine Geschichte der Verfolgungen der Juden, Josef Tohen (1554) behandelte die Geschichte Frankreichs u. der Türkei; Gedalja Ibn Jahja schrieb eine höchst unzuverlässige Traditionskette. Der erste deutsche Jude, welcher sich lebendig für Geschichte, Geographie u. Astronomie interessirte, war David Gans (st. 1613), der eine größere Chronik verfaßte. Für die jüdische Gelehrsamkeit des Osten u. Süden im 16. u. 17. Jahrh. ist David Consorte (1677–83) eine schätzbare Quelle. Eine gründliche Arbeit über die Gelehrten des Talmud lieferte Salomo Heilprin in Miesk (1666–68), welcher auch das bibliographische Verzeichniß der Sabbatai Bass in Prag (1680) ergänzte. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon schrieb Chajim David Josef Asulai aus Jerusalem in Livorno (1777–96); als Kritiker zeichnete sich Josef del Medigo (vor 1629) aus. Die Geschichten einzelner Verfolgungen u. Zeitereignisse, die Legenden u. Märtyrergeschichten, zum Theil in Jüdisch-deutscher Sprache, sind äußerst zahlreich. Unter der geographischen Literatur sind namentlich die Beschreibungen der Reisen nach dem Heiligen Lande zahlreich vertreten; auch viel über das angebliche Land der 10 Stämme in Abyssinien u. Arabien geschrieben. Auch die hebräischen Alterthümer fanden ihre Bearbeiter; das Hauptwerk über den alten Cultus lieferte David Portaleone (1612). Unter den Mathematikern sind Del Medigo, Jakob Alexandri, Baruch Sklow u. And., als Astronomen David Gans, Porto, Esobi, Neumark, Tobia Cohen, Raphael Lewi, Israel Samosc, Baruch Sklow, Israel Lyons hervorzuheben Die medicinische Literatur dieser, unter der sich jedoch nur sehr wenige Schriften in Hebräischer Sprache finden, eröffnen italienische, zum Theil aus Spanien u. Portugal stammende Ärzte, wie Amatus Lusitanus (1547), Abr. Portaleone (1564), Zakuto aus Portugal, Josef del Medigo, Jakob Zahalon (1683), Tobia Cohen (1708), Josef Ben Abraham Stern (1714), Silva (1727) u. Pereira in Paris, Castro Sarmento, Israel Lyons, Jakob Marx in Hannover. Bekannte, zum Theil berühmte, in Berlin gebildete Ärzte, wie Leon Elia Herschel (st. 1722), Mordechai Gumpel (Lewisohn) in Hamburg (st. 1797), der berühmte Ichthyolog Bloch (st. 1799), Professor Herz (st. 1803), beschließen diese Periode u. eröffnen zugleich die lange Reihe jüdischer Schriftsteller über Medicin u. Heilkunde, welche gegenwärtig den christlichen völlig ebenbürtig zur Seite stehen.

IV. Die vierte Periode beginnt mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. u. reicht bis in die Gegenwart. Vom Geiste des 18. Jahrh. unterstützt, eröffnete Moses Mendelssohn (s.d.) in Berlin seinen Glaubensgenossen eine neue Ära, in welcher die nationale Literatur mit junger Kraft einen ganz neuen Aufschwung nahm. Charakter u. Inhalt änderten sich ebenso wie Ausdruck u. Sprache. Die Heiligen Bücher wurden in die europäischen Sprachen u. fremde Werke in das Hebräische übersetzt: die Dichtkunst, Sprachen u. Sprachkunde, Kritik, Erziehungslehre, jüdische Geschichte u. Literatur wurden angebaut; eine nicht geringe Anzahl von Juden u. christlichen Gelehrten jüdischer Abkunft nahmen an dem wissenschaftlichen u. öffentlichen[171] Leben Europas thätigen Antheil. Werke aus allen Gebieten des Wissens, in Hebräischer, Französischer u. Deutscher Sprache, waren die Resultate des bürgerlichen u. geistigen Fortschrittes der Juden, welcher bes. in Deutschland seinen Mittelpunkt fand, während im Russischen Polen zugleich sich eine neue Mystik ausbreitete. Viele ältere Werke wurden in Italien u. Polen, sowie unter dem Einfluß der Fortschritte der philologischen Kritik u. allgemeinen Sprachforschung auch in Deutschland herausgegeben. Überhaupt hat der Geist der modernen Wissenschaft in Deutschland, Frankreich u. den Niederlanden auch die jüdische Gelehrsamkeit durchdrungen, so daß in Wahrheit von einer jüdischen Wissenschaft die Rede sein kann, welche schon seit Decennien in mehreren gediegenen Zeitschriften, wie u.a. den Bikkura haittim (1820–31), Kerem Chemed (1833–45) des gelehrten Salomon Jehuda Rapoport, dem Orient von Fürst, den Zeitschriften für die Wissenschaft des Judenthums von Geiger u. von Frankel, gut geleitete Organe besitzen. Unter den berühmtesten Gelehrten der jüngsten Literaturepoche sind zu nennen: die Gesetzlehrer Ezechiel Landau, Maleachi Cohen, Jesaia Berlin; der Rechtslehrer J. D. Meyer; außer Mendelssohn die Philosophen Sal. Naimon u. Bendavid; die Dichter Franco Mendez, Ephr. Luzzato, Sal. Cohen u. Simcha Calemani; die deutschen Dichter Büschenthal u. Mich, Beer, der Prediger de Sollas; die Prosaisten, Ästhetiker, Grammatiker u. Übersetzer Joel Löwe, Isaak Enchel, Benser, David Levy, Dav. Friedländer, Salomon Pappenheimer, Isaak Satanow, Simon Bondy, Johlson u. Löwisohn; die Ärzte van Laar u. Mich. Friedländer; die Mathematiker Rafael Levi, Abraham Cassel, Meier Hirsch: ferner Samuel Dubno, Saul Levin, S. P. Gans, A. L. Davids, Asulai, Rubinstein, Heydenheim, N. Krochmal, S. Bloch, Peter Beer, Jeitteles, Creizenach. Unter den gelehrten Juden, welche sich im letzten Decennium bes. um die jüdische Wissenschaft Verdienste erworben haben, sind bes. auszuzeichnen: A. Haindorf, Jost (der Geschichtsschreiber des Judenthums), A. Geiger in Breslau, Lebrecht, Rapoport, Salomon, Saalschütz, Ephr. Unger, Steinheim, Gabr. Rießer, Zunz (wohl der gelehrteste Kenner der J-n L.), Formstecher, Hirsch, Fürst in Leipzig, S. Stern, M. Stern, L. Dukes, A. Frankl, Z. Frankel in Dresden, M. Sachs, Arnheim, P. Rieß, S. Cassel, Kämpf, Holdheim, Kley, A. Jellinek (s.d. a.), M. Steinschneider; im Auslande Luzzato, Reggio, Salvador, Frank, Carmoly, Munk, Slonimski, Valentin u.a. m. Von Seiten der Christen wurde die J. L. nur im 16. u. 17. Jahrh. studirt, doch sind alle ihre Arbeiten nur dem Boden der Theologie, namentlich der Polemik entsprungen u. nicht über die Schwelle der Erkenntniß hinausgekommen, daher auch auf den größeren Bibliotheken mit wenigen Ausnahmen die J. L. fast gar nicht vertreten ist. Die bedeutenden Sammlungen hebräischer Bücher, welche von dem Rabbiner David Oppenheim in Prag (st. 1736) u. dem Hamburger Kaufmann H. Michael (st. 1846) zusammengebracht worden waren, befinden sich jetzt in England zu Oxford. Sonst finden sich reiche Schätze rabbinischer Bücher in Paris, Parma u. Rom. Die Reihe literarhistorischer Arbeiten beginnt J. Buxtorf Bibliotheca rabbin., Basel 1613; die Bibliotheca hebraica von J. C. Wolf (Hamb. 1715–1733, 4 Bde., fortgeführt von Köcher, Jena 1783–84, 2 Bde.), bildet den Gipfelpunkt der Theilnahme an jüdischer Wissenschaft von Seiten der Christen. Unter den Katalogen jüdischer Büchersammlungen ist die Bibliotheca hebraica von J. B. de Rossi (1803) über die zu Parma am bedeutendsten, der über die kleine Sammlung auf der Stadtbibliothek in Leipzig von Delitzsch u. Zunz (Catalogus manuscriptorum bibl. Senat. lips., Grimma 1837 f.) der beste. Ein Verzeichniß sämmtlicher Oxforder Handschriften von Steinschneider wird im Druck erscheinen. Sonst sind von biographischen u. bibliographischen Werken zu nennen: De Rossi, Dizionario storico degli autori Ebrei, Parma 1802 (deutsch von Hamburger, Lpz. 1839), u. J. Fürst, Bibliotheca judaica, Lpz. 1853–58, Bd. 1–3. Die erste vollständige Übersicht über die Geschichte der J-n L. gibt Steinschneider in Ersch u. Grubers Allgemeiner Encyklopädie (Lpz. 1850, Bd. 27, Sect. 2), welche auch ins Englische (Lond. 1858) übersetzt wurde. Die schätzbarsten Beiträge lieferte bisher Zunz in: Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, Berl. 1832; Beiträge zur Literatur, ebd. 1845, u. Die synagogale Poesie des Mittelalters, ebd. 1855. Sonst sind noch zu nennen: M. Sachs, Die religiöse Poesie der Juden, Berl. 1845; Kämpf, Nichtandalusische Poesie andalusischer Dichter, Prag 1858; Kayserling, Sephardim, Lpz. 1859.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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